Thursday, April 27, 2017

Es blutet auf der Post...

Eigentlich bin ich ein Meister im Paketepacken und Verschicken. Allerdings nur andersherum. Also von Deutschland nach Italien. In den letzten acht Jahren habe ich ganz sicherlich mehr als fünfzig davon gepackt, verklebt und zur Post gebracht. Ich kannte alle Maße und Gewichte auswendig, wusste das Porto zu bestimmen und wie man platzsparend verschachtelt, ohne dass etwas zu Bruch geht. Und dann habe ich per Sendungsnummer das Shipping verfolgt und mich diebisch gefreut, wenn schließlich die Nachricht kam, dass das Paket zugestellt worden war.

Da ich nun ja nicht mehr in Deutschland wohne, hat sich das ganze Packhobby auf wenige Ausnahmen - zum Beispiel nach Weihnachten - reduziert und ja, irgendwie fehlt mir da was. Ich hätte ja nun auch meinerseits Pakete nach Deutschland schicken können, aber seitdem meine bessere Hälfte mir ganz am Anfang zwei Pakete Macine-Plätzchen aus der Toskana hatte zukommen lassen, wusste ich, dass diese ihn finanziell fast ruiniert hätten. So hatte sich das unbezahlbare Porto irgendwie in meinem Kleinhirn festgesetzt und ich vermied daraufhin italienische Postdienste überhaupt in Anspruch zu nehmen.

Aber was tut man, wenn einen die verstreuten Familienbruchstücke aus verschiedenen Teilen Deutschlands regelmäßig mit Paketen voller Tiernahrung, Schokolade und Geschenken jeder Art bedenken und noch dazu Ostern vor der Tür steht? Dann sieht man in der Konditorei diese echt leckeren Plätzchen und sagt sich - ach, jetzt zu Ostern überrasch ich sie mal. Gesagt, getan, und so stopft man - das Porto im Hinterkopf - voller Bedacht die Schachteln in die kleinstmögliche Verpackung, die man auftreiben kann, verzichtet im einen Fall sogar auf die beizufügende Osterkarte, weil dafür kein Platz mehr ist und stellt zufrieden fest, dass es die kleinsten Pakete sind, die man je zuvor gepackt hat.

Das war an Karfreitag. Ja, denn Karfreitag hatten auch hier alle Geschäfte auf, nur die Schulen gönnten sich eine kleine Auszeit und nannten die fünf freien Tage, die mitten in der Woche begannen und mitten in der Woche darauf endeten, Osterferien. Aber ob Karfreitag die Post auf hatte? Meine bessere Hälfte sagte ja und irgendwie hatte ich ja gehofft, er würde die Sache einfach schnell vor der Mittagspause für mich erledigen, aber nein, ich musste diesmal selbst ran. Dazu muss man wissen, dass die Poststelle hier im Ort wirklich klein ist. Eine Tür, zwei Schalter und ein Tisch zum Ausfüllen von Karten und all das auf gefühlten drei Quadratmetern. Das heißt, wenn Zahltag für die Rentner ist, geht die Schlange draußen noch meterweit die Straße hinunter und man muss sich gar nicht erst die Mühe machen sich dort einzugliedern. Aber das ist nicht das einzige Problem. Auch die Öffnungszeiten sind etwas gewürfelt und das Schlimmste ist, dass man ums Verrecken auch keinen Parkplatz findet, da wir von einer engen Straße voller Hochhäuser sprechen, deren Bewohner selbst schon keine Parkmöglichkeiten haben, geschweige denn Postkunden hier bedacht werden können. Keine Möglichkeit zu Parken und dann horrende Portokosten - das Unterfangen hatte sich inzwischen zu einem subjektiven Alptraum zusammengebraut. Das konnte einfach nicht klappen, es würde mich umbringen. Aber nein, es waren doch bloß zwei simple Postsendungen, die ich nach Deutschland schicken wollte, also auf ging's!

Meine bessere Hälfte nahm mich auf dem Motorrad mit nach unten und damit war das Parkproblem schon mal aus der Welt geschafft. Zurück würde ich den Bus nehmen. Mutig stiefelte ich die Straße hinauf und sah alle Scheiben dunkel. Hatte ich es doch geahnt! Aber nein, sie hatten geöffnet, sie hatten tatsächlich an Karfreitag geöffnet und würden meine Pakete frankieren und abschicken. Jetzt würde doch noch alles gut werden! Als täte ich nie etwas anderes, betrat ich also die kleine Poststelle und gleich rief es vom Schalter Nummer 2 beschwingt "Buongiorno Signora! Venga, venga!" Ein warmer Empfang, hier war ich gut aufgehoben! "Ich hoffe, Sie verzeihen, aber meinen Kaffee kippe ich eben noch schnell hinunter!" Ja, nur zu, besser als allzu förmlich. "Ich möchte diese kleinen Päckchen nach Deutschland schicken und strenggenommen merke ich gerade, dass ich nicht weiß, wie". Richtig, ich hatte keine Ahnung. DHL Aufkleber? Handschriftlich? Nichts davon? Boh! "Gar kein Problem!" Er nahm zwei völlig leere Zettel und kritzelte mit einem Filzstift Überschriften drauf. Er sprach jetzt sehr deutlich, vielleicht wusste er nicht wie gut mein Italienisch war: "Hiiiiier schreiben Sie den Mittente drauf, das sind Siiiiie, und hiiiiier kommt der Destinataaaario drauf, das ist die Person, für die das Paket ist. Und hier das gleiche noch mal für das zweite Paket. Also hiiiiier der Mittente, also Siiiiie und...."

Es war fast geschafft! Während ich meinerseits kritzelte, betraten noch weitere Kunden die Post und ließen mich tatsächlich in Ruhe schreiben, ohne vor mir dran genommen werden zu wollen. Das machte mich leicht nervös. "Sind Sie fertig? Venga, venga!" rief es vom Schalter, als ich vor versammelter Mannschaft schließlich aufstand und dieses Publikum im Nacken lieber vermieden hätte. Ich legte die ausgefüllten Zettel auf die Pakete in ein Sicherheitsfach und stellte zu spät fest, dass ich die Adressen vertauscht hatte. Die innenliegende Karte hatte jetzt einen anderen Namen, aber der Mann von der Post war bereits am Kleben. "Soooo...das können wir noch als Einschreiben schicken, dann wird es billiger!" - Nur zu, billiger war immer gut und ein Einschreiben käme an. "Dieses hier...das wären dann 18€...das andere fürchte ich, wird etwas mehr, weil es größer ist." Was?! Das waren Plätzchen für schlappe sechs Euro, war das ein schlechter Scherz? Und hatte ich überhaupt ausreichend Bargeld dabei?! Ich muss pink angelaufen sein, ich laufe immer pink an, wenn es gerade ganz ungünstig ist.

Eine alte Frau kam nach vorne und reichte an einer Kundin am Schalter 1 vorbei eine große Plastiktüte durch die Öffnung. "Lucia!!!! Buona Pasqua! Lasst es euch schmecken!!!" Es roch nach Fleisch! "Grazie Generale!!" rief mein Schaltermann um die Ecke, während die Tüte in eine Ecke gestellt wurde und dann zu mir: "Nein, nein, auch das zweite geht noch für 18€ durch. Vado?" Die Hand am Paket schaute er mich an. "Buona Pasqua, buona pasqua!" grüßte es hinter mir aus dem Publikum, während die alte Frau - Generale?? - die Post gleich wieder verließ. Hier kannte jeder jeden. Und ich stand als einzige Ausländerin mit pinkem Kopf am Schalter mit meinen überteuren Keksen und schluckte. "Vado?" - "Sì, sì, avanti!" bestätigte ich das Porto und zahlte schockiert meine 36€ für zwei Päckchen à 400gr Gewicht und den vertauschten Adressen. Nur nichts anmerken lassen! Ich bekam zwei Durchschriften um die Sendungen online verfolgen zu können und mit einem fröhlichen "Buona Pasqua, Signora!" wurde ich in den Tag verabschiedet. Das hatte weh getan...doch, ja, das Porto brachte einen hier um, ich hatte es ja gewusst. Nie wieder! Niiie wieder würde ich hier ein Paket verschicken. Und ich würde jetzt auch keinen Bus nehmen, ich würde zu Fuß laufen, um das Ticket zu sparen und würde in jeden Briefkasten auf dem Weg nach Hause meine Visitenkarte werfen. Ich brauchte jetzt Geld! Viel Geld!

Ach so, was auf der Post geblutet hatte?? Na, mein Herz natürlich! Mein Herz!



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