Friday, February 3, 2017

Permesso...

Ja, ab und an stoße ich auf kulturelle Besonderheiten, die mir vielleicht nicht von Anfang an aufgefallen sind; immerhin lebe ich inzwischen offiziell seit vier Jahren in Italien. An praktisch alles habe ich mich gewöhnt - die Passaparola, Vetternwirtschaft und Empfehlungen, die mehrgängigen Mahlzeiten, die Feiertage, die Madonnenverehrung, das Parken und Autofahren, irgendwie alles. Und ich komme mit allem auch irgendwie klar, bei manchem mache ich komplett mit - zB in der Mitte von zwei Spuren fahren - und bei anderem schaue ich nur zu - zB. bei allen religiösen Besonderheiten.

Aber an eine absurde Sache kann ich mich einfach nicht gewöhnen, und diese hat mit dem "Permesso" zu tun. Es war mir ganz lange Zeit lang überhaupt nicht aufgefallen, denn es tat in der Toskana auch nicht jeder, und die Menschen, die kamen und es taten, die hielt ich für Witzbolde. Um was geht es? Die Italiener, die das Haus einer anderen Person betreten, sagen an der Türschwelle "Permesso". Eigentlich ist das eher eine Frage: "Permesso?" Und heißt so viel wie "Darf ich eintreten?" Eine rhetorische Frage, denn es sind im Allgemeinen ja eingeladene Personen, oder Personen, denen man bereits aufgemacht hat. Da mir das früher eben nicht so aufgefallen war, hatte ich erst neulich meinen wirklichen Kulturschockmoment, in dem mir das Permesso einfach über den Kopf gewachsen ist. Prompt fing ich an darüber mit anderen Auswanderern zu diskutieren. Die meisten regten sich über meine deutsche Herangehensweise auf - "Sei doch froh, wenn sie höflich sind!" - "Die können es dir aber auch nicht recht machen...!" - "Sei nicht so deutsch!". Der Eine oder Andere aber konnte mich verstehen - "Mir geht es auch auf die Nerven!" - "Ich finde es auch übertrieben, zumal die Italiener dann bei vielen anderen Stellen ganz und gar nicht höflich sind!". Es kochte sich ziemlich hoch, was dazu führte, dass mich das Permesso jetzt als Folge noch viel mehr nervt als vorher.

Was ist eigentlich genau mein Problem damit?

Nun, das Prinzip ist natürlich ein positives. Es ist höflich, wenn man um Erlaubnis das Haus zu betreten bittet. Es zeigt, dass man den privaten Raum achtet und sich nicht einfach nimmt, was einem nicht gehört. Ich finde es deswegen sehr lobenswert, wenn jemand, der zum ersten Mal ein fremdes Haus betritt, genau dieses Verhalten an den Tag legt - selbst wenn ich es aus dem deutschen Kulturbereich nicht kenne, nicht brauche und nicht erwarten würde. Aber - es ist wirklich höflich.

Allerdings: wenn jemand seit Monaten jede Woche dieses Haus betritt oder vielleicht sogar mehrfach die Woche, dann schießt es für mein Empfinden den Vogel ab. Es ist zu viel, zu oft, es nervt! Klingt es wirklich sinnvoll, dass man jemandem, der angekündigt und eingeladen ist, mal den Eintritt gestattet und mal verweigert? Und ist es überhaupt mehr als eine leere Floskel? Geht es wirklich darum immer wieder aufs Neue etwas zu erlauben, was man bereits am Tag zuvor und die Woche zuvor erlaubt hatte? Oder entspricht es mehr einem Gruß oder einer Gewohnheit wie dem englischen "How are you doing?", auf das man weder eine Antwort erwartet noch dass man es wirklich auch so meint? Sehr deutsche Herangehensweise, sicher, aber es ist einfach eine kulturelle Forschungsarbeit, die ich hier leisten will.

Warum stelle ich mich damit überhaupt so an? Nun, wie gesagt, beim ersten Treffen finde ich es durchaus sehr korrekt und es zeigt gute Manieren, so gesehen. Aber wenn jemand zu mir kommt, dann ist er in der Regel ein steter Besuch, kommt einmal die Woche oder auch mehrfach die Woche. Und dieser Jemand wird erwartet, klingelt am Tor, ich gehe hinaus, öffne, man begrüßt sich, man unterhält sich schon und dann - dann kommt noch einmal das Permesso auf der Türschwelle. Wieso? Die einzige sinnvolle Erklärung, die mir eine andere Auswanderin gab, war die, dass der Besucher dieses Permesso sagt für den Fall, dass sich noch andere Menschen im Haus aufhalten, die nicht vorbereitet sind. Das ist die einzige wirklich gute Begründung für dieses ansonsten seltsame Verhaltensmuster. Und das erklärt auch, wieso dann auch schon mal ein Permesso an der Türschwelle kommt, dann ein weiteres, wenn die Person das Büro oder ein anderes Stockwerk mit mir betritt. Es kann aber auf diese Art passieren, dass ich bis zu dreimal Permesso höre, und bestätigen muss, ehe die Person endlich am Zielort angekommen ist.

Nichtsdestotrotz macht es mich nervös. Denn ich selbst komme mir seltsam vor, wenn ich dasselbe tun soll und habe es sage und schreibe nur zweimal in meinem Leben gesagt. Vielleicht hält man mich für ein Trampel - mag sein - oder man sieht daran, dass es in anderen Kulturen einfach nicht üblich ist. Schwierig wird es auch, wenn ich mit Gruppen zu tun habe. Gruppen von sagen wir mal acht Personen, die ich erwarte, die klingeln, denen ich das Tor aufschließe und die dann nicht das Haus betreten, ohne dass ich von ganz hinten brülle, dass man doch bitte durchgehen möge....je-des-ein-zel-ne-Mal-dass-sie-zu-mir-kommen...da fragt man sich schon, ob es nicht die Möglichkeit gibt, so etwas wie einen Blankoschein auszustellen, um ein für allemal geklärt zu haben, dass das Permesso erteilt ist und nicht jeden Tag aufs Neue diskutiert werden muss. Tja....



1 comment:

  1. Hänge doch einfach ein Schild an die Tür, auf dem "Sì" steht. Dann musst du nur drauf deuten.

    ReplyDelete