Tuesday, February 28, 2017

Arbeiten um der Arbeit willen...

Sicher, mit dem Arbeitsmarkt sieht es hier alles andere als entspannt aus. Das ist ein Fakt. Aber drei Aspekte habe ich in den letzten Monaten beobachtet, die helfen bei der Lage überhaupt nicht. Im Gegenteil, sie machen alles nur noch schlimmer.

Ein Aspekt ist der "tuttofare", was man mit "Mädchen für alles" oder "Alleskönner" übersetzen mag. Oder besser gesagt: jemand, der sich für alles anbietet, was er bekommen kann, alle Bereiche, alle Aufgaben. Man findet Unmengen von diesen Menschen in den Jobbörsen oder in Facebook-Gruppen zum Thema "Jobsuche". Die Frauen bieten sich typischerweise an für Altenbetreuung, Putzen, Bügeln, als Baby- oder Dogsitter, Kellner, Aushilfe im Geschäft oder auch Nachhilfe. Und die Männer typischerweise als Lieferanten, Umzugshilfe, für Renovierungs- und Gartenarbeiten, als Kellner und Dogsitter. Und nicht eines davon. Nein, ALLES davon! Gleichzeitig!

Die Motivation dahinter kann man grundsätzlich verstehen - sie wollen sich alle Möglichkeiten offen halten und so viele Einnahmequellen wie möglich finden. Egal, was es ist. Das Problem ist nur: wer sich für Dutzende verschiedener Tätigkeiten anbietet, kann gegen Hunderte gleicher Suchender ausgewechselt werden. Von jetzt auf gleich. Und das öffnet Tür und Tor dem eh schon üblen Lohndumping. Und als unbewusste Message senden die Suchenden gleich mit, dass sie eigentlich nichts davon wirklich können oder sie irgendetwas von diesen Tätigkeiten besonders interessiert. Dass ausschließlich die Verzweiflung sie in dieses breitgefächerte Angebot getrieben hat. Verzweiflung verkauft sich schlecht. Und Verzweiflung wird ausgenutzt. Denn wenn sich jemand nicht einstellen lässt, weil er besonders gut in etwas ist oder eine besondere Leidenschaft für ein Gebiet hat, dann wird er eingestellt, weil er billig ist. Und das heißt, dass seine Arbeitskraft nichts wert ist und auch nicht sonderlich geschätzt wird. Aushilfen im Supermarkt bekommen auf diese Weise 500€ im Monat für eine 40-Stunden-Woche. Und auf den Erntefeldern schuften Italiener für 2€ die Stunde (ein  Todesfall aufgrund eines Skandals dieser Sorte wird gerade in den Medien ausgiebig behandelt). Und manch einer arbeitet sogar ganz ohne Lohn. Klingt verrückt, aber das ist der zweite Punkt, den ich beobachtet habe: viele verwechseln Arbeit mit Einkommen. Denn eigentlich gehören die Begriffe ja zusammen, wobei der Dreh- und Angelpunkt dabei das Einkommen als Ziel sein sollte und nicht die Arbeit. Aber weil der Begriff "Arbeit" in der Gesellschaft präsenter ist als seine Schwester "Einkommen", hat er eine Wichtigkeit bekommen, die über die Bedeutung vom Lohn selbst weit hinaus zu gehen scheint. Das ist die einzige Erklärung, die ich finden kann, wenn ich Zeuge von Unterhaltung der folgenden Art werde: "Was hab ich mich geärgert! Ich hab 4 Wochen lang gearbeitet und bin dann nicht bezahlt worden!" - "Sei still! Sei froh, dass du überhaupt eine Arbeit hast! Heutzutage...."

Klingt absurd? Arbeit um der Arbeit willen? Arbeit als Selbstzweck? Wollen sie nicht eigentlich arbeiten um zu verdienen? Und die Argumentation ist gar nicht mal unbedingt Teil der "Generation Praktikum", wie man sie auch in anderen Ländern kennt, wo monatelang unentgeltlich gearbeitet wird um sich neues Wissen anzueignen und um Kontakte zu knüpfen. Auch das ist ein No-go für mich, hat aber am Rande noch irgendeinen Funken Sinnhaftigkeit, zumindest was die Motivation der Praktikanten angeht. Arbeiten um einfach eine Arbeit zu haben, weil es heutzutage ja so schwer ist eine Arbeit zu finden, und wer eine hat, sollte froh sein, auch wenn er nicht bezahlt wird - das übersteigt meine Toleranzgrenze; dem kann ich inhaltlich nicht mehr folgen.

Aber kommen wir noch einmal zum Tuttofare zurück. Hunderte, Tausende (auch junger) Menschen, die sich für alle nur möglichen Hilfs- und Handlangerarbeiten zur Verfügung stellen, für die es keinerlei Ausbildung oder besondere Fähigkeiten braucht. Und für die meisten scheint an dem Punkt karrieretechnisch Ende Gelände zu sein. Denn es sind explizit keine Nebenjobgesuche von Studenten, wie wir sie alle während des Studiums gemacht haben. Es sind Jobgesuche von Leuten im Rentenalter, von Arbeitslosen in mittleren Jahren und - was ich besonders dramatisch finde - von Leuten in den 20ern, die lediglich die Schule abgeschlossen haben. Sicher, der Umstand, dass man mit dem Abgang von den verschiedenen Schulen mit fast 20 schon einen "Beruf" hat, hilft dabei ebenfalls nicht. Denn diese sind so allgemein gehalten, dass sie die Abgänger kaum zu attraktiven Arbeitnehmern mit Qualifikationen machen. Und die wenigsten scheinen darüber hinaus irgendwelche Ausbildungen anzustreben. Sicher, die Uni kostet und ist für viele unerschwinglich, aber was hindert einen daran sich auch ohne Universität eigenständig fortzubilden, Wissen anzusammeln, sich von der Masse abzuheben und den großen Sumpf der Tuttofare hinter sich zu lassen? Gerade bei 40% Jugendarbeitslosigkeit haben Schulabgänger, die noch nichts wirklich können, doch ausreichend Zeit um sich privat den weiteren Studien zu widmen. Auf eigene Faust. Mit Büchern, dem Internet oder auch mit irgendwelchen (vielleicht auch kostenlosen) Kursen.

Ich sage nicht, dass alle so sind - natürlich sind nicht alle so - es fiel mir lediglich auf, seitdem ich mich viel auf Jobbörsen und in Jobsuchgruppen auf Facebook herumtreibe. Ich hätte keine Mühe für meinen Hund einen Sitter aufzutun oder jemanden zu finden, der mir im Haushalt hilft. Die Leute würden sich unterbieten, bis es irgendeiner fast gratis machen würde. Vielleicht entspreche ich nicht dem Trend, aber ich würde keinen einstellen, der seine Arbeitskraft nicht würdigt. Der um der Arbeit willen arbeitet. Die Spirale abwärts auf dem Arbeitsmarkt ist so alarmierend, dass ich mir kaum vorstellen kann, dass es noch lange gut gehen wird. Was ist der nächste Schritt nach dem gratis arbeiten? Bezahlen, um arbeiten zu dürfen? Nur wer könnte das, wenn er kein Einkommen hat? Verrückt, das alles, komplett verrückt...


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