Monday, May 16, 2016

Pasqua in famiglia

Nun, Ostern ist bereits einige Wochen her, dennoch soll es nicht ganz untergehen. Letztes Jahr hatten wir Ostern im April gehabt und ich erinnere mich noch recht deutlich, dass es erneut gewaltig gekracht hatte, so dass der Schwiegervater kurz zuvor eine Tasche gepackt und in die alte Heimat zu seinen Brüdern verschwunden war. Dort blieb er auch, ohne sich wieder bei uns oder seiner Frau zu melden, mehrere Tage und bekam nicht einmal mit, dass es an Ostersonntag dann noch ein weiteres Mal zwischen uns und der Schwiegermutter zum Krieg gekommen war, so dass auch sie eine Tasche gepackt und in die Heimat zu ihrer Tochter entflohen war. Es hätte dann ja noch nett werden können, hätten wir nicht mehrere Stunden in der Tiernotaufnahme verbracht (mit Feiertagstarif!), weil es Ludwig überhaupt nicht gut gegangen war.
Dieses rundherum abschreckende Erlebnis noch bildhaft vor Augen haben wir uns dennoch ohne große Probleme dieses Jahr zu den Schwiegereltern in die Toskana einladen lassen. Es sollte gleich ein großer Trip werden, denn nach dem Ostersonntag bei den Schwiegereltern sollte sich ein Picknick mit Freunden am Montag anschließen. Die Vorbereitungen dazu blieben natürlich wieder an mir hängen und da ich bei jedem Picknick den übersteigerten Ehrgeiz habe noch besser als alle anderen vorbereitet zu sein, brauchte ich auch diesmal wieder 3 Tage Vorlaufzeit. Es musste sämtliches Material gewaschen werden, Decke, Picknickequipment, Hund, Auto und dann musste eingekauft und vorgekocht werden. Ich wusste wie es am Samstagmorgen kommen würde, ja ich wusste ich. Ganz unverfroren stellte ich mich mit meinem Einkaufswagen an die etwa 100m lange Menschenschlange vor dem noch geschlossenen Supermarkt an. Als aufgeschlossen wurde und alle hineindrängten und die Mitarbeiter hämische Bemerkungen über die Kunden machten, die fast so taten als hätte ihnen wochenlang kein Supermarkt zur Verfügung gestanden, wusste ich, dass sich alles auf den ersten Metern in der Gemüseabteilung stauen würde und fuhr ganz bewusst in eine andere Abteilung weiter. Durch den von hinten aufgerollten Einkauf konnte ich am Ende als eine der ersten an die Kassen und verließ den Ort des Wahnsinns, ehe es nur noch schlimmer wurde. Den Rest des Tages verbrachte ich mit Kochen und Packen. Als Ostersonntag schließlich da war, verließen wir mit 8 großen Taschen das Haus und dann diskutierte ich erst einmal mit meiner besseren Hälfte, der doch tatsächlich meinte, das sei viel zu viel Zeug, das wir dabei hätten! Aber wer behielt am Ende recht? Ich natürlich! Er selbst hätte niemals an den Wein und die frischen Zweige Lorbeeren aus dem Garten gedacht, die die Schwiegereltern haben wollten. Oder die aus Deutschland mitgebrachten After Eight, die in Italien das fünffache kosten und einige Wochen lang in unserem Vorratsraum gelegen hatten. Oder die Hundenäpfe und Ladekabel, die Wärmflaschen, den Telepass fürs Auto und Jacken und Schals für das Picknick! Am Ende war er zumindest kleinlaut und ich riet ihm beim nächsten Mal einfach nur alles abzunicken und ins Auto zu bringen.
Die Schwiegereltern hatten - ganz im Gegensatz zum Jahr zuvor - sich wirklich auf uns gefreut. Wir wurden geherzt und gedrückt und dann sollten wir endlich Platz nehmen und essen. Nun, es gab wirklich, wirklich viel Essen! Es ging los mit der Vorspeise...eingelegte Auberginen, Oliven, Schinken, Pilze, Baguette, Blattsalat, Danach war ich schon satt, aber jetzt ging es überhaupt erst los mit dem Essen. Es wurde eine Lasagne aufgetischt - natürlich fatta in casa - danach frittiertes Geflügel mit Gemüse. Schließlich Reistorte. Und dann Erdbeeren mit Sahne. Dann Aniskuchen. Und schließlich noch Schokolade. Danach waren wir so satt, dass wir am liebsten geschlafen hätten. Aber es gab keine Rückzugsmöglichkeit. Und so harrte ich am leergefressenen Esstisch aus und kämpfte gegen die Müdigkeit.
Natürlich war wie immer alles verdunkelt, so dass man mitten am schönsten Sonnentag die Deckenbeleuchtung eingeschaltet hatte. Und im Fernsehen lief ein Bibelfilm nach dem anderen. Und das würde jetzt stund-den-lang-so-gehn..."Immer diese elenden Bibelfilme" - warf meine Schwiegermutter ein - "Ich kanns nicht mehr sehn! Läuft denn nicht vielleicht irgendwo ein guter Porno?!" Doch, das hat sie tatsächlich gesagt und ich war dankbar darum, denn es riss mich aus dieser Lethargie der vollgefressenen Müdigkeit. Ich stellte mir vor wie so die italienische Großfamilie an Ostern zusammenkommt und dann mit Kindern, Hund und Oma zusammen einen Porno schaut. Ja, was denn auch sonst! Und weil die Bibelfilme dank Schwiegervater hartnäckig weitergeschaut wurden, kam dann die Frage auf, auf die ich nicht vorbereitet war: "Gehen wir etwas raus?" Okay, das war eine Falle! Ich hatte kein Gegenargument und bei diesen abgedunkelten Räumen konnte ich auch nichts lesen oder sonst irgendetwas tun, was mir die Müdigkeit vertrieben hätte. Aber ich kannte diesen Trick noch aus der Vergangenheit: man ging dann im Schleichtempo durch die Stadt und blieb an jeder Ecke stehen, weil wieder irgendwelche Bekannten oder Verwandten den Weg kreuzten und am Ende landete man im schlimmsten Fall in irgendeiner Wohnung von irgendwelchen unbekannten Menschen und musste Kaffee mit Zucker trinken und bekam Bonbons zugesteckt und hörte sich dann irgendwelche uninteressanten Geschichten von irgendwelchen uninteressanten Menschen an, die man noch nie gesehen hatte und auch nie jemals sehen würde. Und darüber würden Stunden vergehen, in denen man sich wünschte man hätte niemals JA gesagt.
Nur das Dumme war ja wie gesagt, dass ich keine Ausrede hatte. Und so entschloss ich mich immerhin den Hund mitzunehmen. Er war mein Alibi! Mit ihm konnte ich in keine Wohnung mitgehen und im besten Fall fing er nach einigen Metern einen Streit mit einem anderen Hund an und ich würde mich dann schnell entschuldigen und noch schneller abhauen. Ludwig freute sich natürlich, dass es raus ging und nutzte den Trip um jede Ecke und jeden Baum zu markieren. "Komm, wir besuchen eine Freundin von mir...ist gleich hier vorne!" Ich hatte es geahnt! "Mit dem Hund kann ich aber nirgendwo rein. Weißt du was, du gehst und ich gehe mit Ludwig wieder zurück." Nein, das kam gar nicht in Frage - die Freundin sollte mich auch zu sehen bekommen und müsste dann eben zu uns herunter kommen. Es wurde also geklingelt und dann winkte meine Schwiegermutter zum 5. Stock hoch. "Schau mal, wen ich hier mitgebracht habe!!" Als wenn die Frau mich kennen würde! Sie schaute grübelnd vom Balkon hinunter und ich schämte mich bereits in Grund in Boden. "Meine Schwiegertochter! Und den Hund! Komm mal zu uns runter!" Ich versuchte zu intervenieren. "Nee, nee, lass nur - weißt du was, du gehst rauf und ich - " Aber keine Chance. Die besagte Freundin - die mich noch nie gesehen hatte und der ich nun auch wirklich völlig egal war, verständlicherweise - kam also hinunter und ließ uns in den Haupteingang des Palazzos hinein. Und da standen wir nun und Ludwig gähnte und ich zählte die Minuten, bis wir uns endlich wieder aus dem Staub machen konnten. Es wurde engagiert aufgezählt, was es überall in den Familien zu Essen gegeben hatte, wer welche Krankheiten hatte und dann ging man sämtlichen Klatsch durch, der sich irgendwie finden ließ und kaum machte man Anstalten sich zu verabschieden, kam dann die Keule mit einem Kommentar wie "...aber weißt du, wen ich gestern an der Kasse gesehen habe??" ...und weiter ging's. Ludwig seufzte laut und hätte ich nicht behauptet, dass Ludwig dringend mal müsste, hätten wir auch noch den Rest des Nachmittags in diesem dunklen und engen Hausflur zugebracht.
Zurück im Hause der Schwiegereltern gab es nun Kaffee und Schokolade. Und meine Schwiegermutter erzählte ausschweifend wie beliebt sie im Viertel gewesen sei, in dem sie zwischenzeitlich einige Wochen möbliert gewohnt hatten. Neulich als sie einige Nachbarn dort besucht hatte, da wären alle auf die Straßen gekommen und hätten begeistert "Anna, Anna!" gerufen. Ich kenne diese Art ihrer übertriebenen Geschichten ja zur Genüge - am schönsten ist die, dass sie aufgrund von zu viel Kaffee einmal vierzig Tage und vierzig Nächte nicht geschlafen hätte bis sie dann ins Krankenhaus gekommen und dort mit einer Pferdesalbe behandelt würden wäre - grinste in mich hinein und sagte nichts. Mein Schwiegervater hingegen ist einer, der tagelang kein Wort von sich gibt, bis er sich wegen irgendetwas echauffiert. Und jetzt war es soweit: "Jaaaaa, das kann ich mir denken, sie sahen dich kommen und riefen ooooh, oooh, der Messias, und alle Bewohner säumten die Straßen und winkten mit Palmwedeln!!!" Es entbrannte eine hitzige Diskussion zwischen den beiden, ob das nun wirklich so stattgefunden hatte. Und schließlich stand das Abendessen an - bestehend aus den übermäßig vielen Resten des Mittagessens. Dass so ein Tag anstregend sein kann, merkten wir, als ich schon um 22 Uhr hundemüde in die Betten fielen...



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