Wednesday, May 6, 2015

Wildschweine...

Ja, was soll ich sagen, es hätte so schön sein können. Nein, stop, also dieser dramatische Anfang ist jetzt auch nicht angemessen. Also wie jetzt? Ich habe die letzte Gassitour vor dem Schlafengehen immer sehr genossen und fand auch es gibt nichts besseres als morgens zu einer Unzeit aufzustehen und erstmal eine halbe Stunde mit dem Hund draußen zu rennen, wenn noch kaum jemand unterwegs ist, so dass man wirklich ungestört ist. Wirklich ungestört? Nun, das stimmt eigentlich nicht mehr, denn seit einigen Wochen leben nachweislich mehrere Wildschweine in der Umgebung. Ich habe sie noch nie gesehen, aber eines Tages fanden wir mehrere große Gruben im Terreno und der Nachbar rief über den durchbohrten Maschendrahtzaun hinweg, dass sich Wildschweine in allen Gärten zu schaffen gemacht hätten.
Ich nahm das irgendwie hin, ohne mir wirklich Gedanken über die Bedeutung des Vorfalls zu machen. Gut, Wildschweine waren hier gewesen, sie haben nach Essen gegraben und sind von einem Grundstück zum nächsten, aber jetzt waren sie ja weg. Allerdings ist die Umgebung ein wenig ländlich hier, mehrere bewaldete Hügel um uns herum und Grün dominiert die Landschaft. Gottseidank, denn Genua selbst ist grau...oder besser gesagt beige, eine endlose Wüste an beigen, mehrstöckigen Gebäuden, die alles verschandelt haben. Und hier draußen ist es eben grün und natürlich, sofern Orte in Großstadtnähe noch natürlich sein können. Und wer die Natur sucht, der findet sie auch und zwar mit all ihren Vor- und Nachteilen. Seit den 90ern heißt es, dass die Wildschweine nach und nach zurückgekommen sind und ich sage mal salopp "in die europäischen Wälder". Hier und da haben sie sich mit Hausschweinen gekreuzt, hier und da werden sie gefüttert und letztendlich tauchen sie inzwischen auch in Stadtgebieten auf, in Parks und Vorgärten. Nachdem sie auf dem Terreno gewütet haben, hat es keine Vorfälle mehr gegeben, die irgendwie groß besprochen worden wären in der Nachbarschaft. Irgendwann aber hörte ich es bei einem spätabendlichen Gassigang im Gebüsch rascheln und zum ersten Mal war mir ein wenig mulmig zumute und bin mit Ludwig recht zügig wieder nach Hause gegangen. 
Seitdem hat sich nach und nach mein Blick für Wildschweinspuren geschärft. Die Gruben, die ich nie beachtet hatte, erkannte ich als Wühlspuren, die Löcher in den Zäunen erkannte ich als Eindringspuren und all das mitten auf der Hauptstraße durch den Ort, nicht etwa auf einem Waldweg. Den Wald haben wir nämlich noch nie betreten; er hat einen schmalen, regelrechten Eingangspfad, gerade im Dunkeln so gruselig, dass es auch der Weg nach Mordor sein könnte. 
Aber was passierte eines Abends letzte Woche, als ich in aller Ruhe gegen 22 Uhr meinen Hund über die Hauptstraße führe? Völlig unerwartet raschelt es im Wald vor uns, Zweige werden bewegt und dazu kommt ein Geräusch, das mir das Gefühl gab mitten im Jurassic Park gelandet zu sein: eine Mischung aus Knurren, Gewieher und Grunzen. Eindeutig tierisch und eindeutig hatte ich so Geräusch noch nie gehört. Auch Ludwig hörte es und drehte sich interessiert um. Und mir gefror das Blut in den Adern. Ehrlich gesagt hätte es mich nicht einmal gewundert, wäre ein T-Rex plötzlich aus dem Wald geschossen, aber ich kombinierte gleich, dass es sich um Wildschweine handeln musste, was sonst sollte nachts derart laut in den Wäldern umherstreifen. Der nahe Wald, der späte Abend und erwiesenerweise waren Wildschweine auch weiter unten schon in unserem Garten gewesen. Im schlimmsten Fall waren wir umzingelt. Ich packte also Ludwig und wir rannten, was das Zeug hält. So wie ich meinen Hund kenne, hätte er sich auch jedem Wildschwein furchtlos gestellt, aber ich wollte es nun wirklich nicht darauf ankommen lassen, dass er sich eventuell mit einem 200kg schweren Keiler misst und zog die Flucht vor. Brrrrr, selten hab ich mich derart in der Natur gegruselt wie an dem Abend! Mehrere Stunden später musste ich dennoch ein weiteres Mal raus, denn Ludwig konnte es nicht mehr halten. Wie auf dem Kriegspfad schlichen wir Meter um Meter die Straße entlang, immer in alle Richtungen abgesichert, dass nicht eventuell auch ein oder mehrere dunkelbraune, haarige Hügel ebenfalls in Sichtweite unterwegs waren. 
Auch wenn wir keinem Schwein persönlich begegneten - am nächsten Morgen sahen wir mehrere neue, große Wühlgruben im Gras, wo wir tags zuvor gelaufen waren...



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