Saturday, May 16, 2015

Sie sind weg!

Die Zeit steht still, kein Laut ist zu hören, kein Wind, keine Wellen, nur reinstes Licht...ja, ist schon gut, ich übertreibe. Aber - wie sonst soll ich das Hochgefühl beschreiben, das uns erfasst hat, als der Tag der Tage, Wonne aller Wonnen, endlich da war: sie sind weg! Ausgezogen! Abgefahren! Via via via! Wer? Die Schwiegereltern! Nach elf langen, schmerzhaften Monaten des Zusammenlebens!
Am Tag der Freiheit war früh morgens ein Lieferwagen gemietet worden und unter dem gewohnten, konstanten Stöhnen, Jammern, Fluchen und sich Beschweren trugen die Schwiegereltern ihre (wirklich wahllos gepackten) Taschen und ein paar Kisten nach draußen vor die Tür. Sie nahmen einen kaputten Tisch mit, eine verrostete Nähmaschine, hässliche Ölschinken, ihren überdimensionalen Fernseher und alles was ihnen in die Finger kam. Darunter waren dann auch ein paar von unseren Dingen, die ich bei Gelegenheit in ihrer neuen Behausung suchen muss um sie wieder zurück zu holen. Aber ich sah auch, wie unser Haus Stück für Stück befreit wurde. Wir hatten nun Platz, wir konnten wieder aufatmen und konnten anfangen das Haus zu renovieren und nach eigenen Vorstellungen umzugestalten. Ich sah auch, was nun alles an Schäden sichtbar wurde. Natürlich graute mir vor der Arbeit, aber mir war schon klar, dass diese Arbeit getan werden musste und dass sie auch wichtig war, um diese Phase des Lagers wirklich abzuschließen und ein neues Kapitel einläuten zu können. Leider war der Lieferwagen kleiner als erwartet. Oder besser gesagt: die Schwiegereltern hatten entschieden zu viel Zeug, das mit musste und auch mit SOLLTE. Alles, was weg war, war gut. Ohne ein Wort des Grußes verschwanden sie schließlich mit meiner besseren Hälfte als Fahrer, der bereits die Schnauze voll hatte von der schlechten Organisation und dem vielen Gedöns, das so unglaublich schlecht gepackt worden war. Anstatt sich um weitere Kisten zu bemühen, hatten die Schwiegereltern alle unseren großen Supermarkttaschen und ein paar bekanntermaßen unförmigen Ikeashopper randvoll gepackt und diese ließen sich nicht stapeln, schon gar nicht mit sperrigen oder empfindlichen Inhalten. Alles Zeug, das noch hier geblieben war, sollte in einer zweiten Tour am selben Tag abgeholt werden und ich tippte auf in etwa die gleiche Menge an Dingen, darunter gut 15 Kleidersäcke, Dutzende von Handtaschen, weitere Bilder und Gemälde und mehrere Taschen voller Strick- und Stickutensilien. Ich verbrachte den Nachmittag bei einer Freundin, mit der ich zusammen an einem Projekt arbeiten musste und ehrlich gesagt war ich froh um den Abstand vom Haus für ein paar Stunden, ehe der große Renovierungs-, Umgestaltungs- und Putzeinsatz seinen Anfang finden würde. Am Ende musste die zweite Tour für den Tag aus Zeitgründen abgesagt werden und das bedeutete, dass das übrig gebliebene Zeug leider erst mal noch untergebracht werden musste. Kaum dass ich zurück daheim war, schleppte ich die Reste des Umzugs zurück ins ehemalige Zimmer der Schwiegereltern oder schob sie ins Studio, das schon am Überquellen war. Und dann wurde einmal gaaaaanz tief durchgeatmet und es begann. Das Arbeiten. Es war fast schon egal an welcher Ecke ich anfing, ich schätzte, dass es mich etwa einen Monat kosten würde, ehe sich das Haus endlich in ein vorzeigbares verwandelt hätte.
Seitdem sind nun zwei Wochen vergangen. Von der Schwiegermutter habe ich nicht mehr gehört. Da sie noch kein Telefon haben, ruft sie nur hin und wieder von irgendjemandes Telefon den Sohnemann auf dem Handy an, um zu sagen, dass dieses oder jenes fehlt oder kaputt ist. Ja, ich gebe zu, es ist eine Wohltat sie nicht zu hören oder zu sehen. Der Schwiegervater war eine Woche später nochmal mit einem seiner Brüder und dessen Kombi hier. Er war wie ausgewechselt, richtig gut gelaunt und zusammen schleppten sie noch weg, was ins Auto passte. Natürlich blieb erneut zu viel hier, jetzt werden wir selbst noch einmal eine Tour in die Toskana machen und der Rest wird schlicht und ergreifend entsorgt.
Unser Haus ist bereits kaum wieder zu erkennen. Was unter den Bergen an Zeug zum Vorschein kam, war so erschreckend gewesen wie ich vermutet hatte: Verschrammte Türen und Wände, eine verschimmelte Küche, ein völlig dunkelgrau verschimmeltes Schlafzimmer, feuchte Fliesen, Gestank und sogar drei Mauselöcher! Nein, ich übertreibe nicht. Ich brauchte viel Geduld, aber bin gut vorwärts gekommen. Interessant ist, dass der Gestank und der Schimmel im Schlafzimmer allein durch das konstante Öffnen des Fensters entfernt wurden, was meine Schwiegereltern, die Dunkelheit und geschlossene Läden so lieben, nie getan haben. Stundenlang habe ich Wände gestrichen, ausgebessert und geputzt, ich habe die Treppen und Türen lackiert, Kabelsalat an den Wänden reduziert, Löcher von zahlreichen wahllos platzierten Nägeln gestopft, Holz poliert und Staub gewischt. Ich habe die Marmorstufen geschrubbt, Mauselöcher zementiert und dann großzügig umgestaltet. Haaaaa, was für ein Gefühl! Dieser Platz! Diese Weite! Der frische Geruch! Alles hat auf einmal eine Struktur, einen Sinn, eine Ordnung! Ich glaube wir haben auch den Gas- und Stromverbrauch auf höchstens einen Drittel des ursprünglichen Verbrauchs reduziert, denn ich koche nicht den ganzen Tag auf allen vier Flammen des Herds und habe auch nicht konstant die Waschmaschine laufen. Ich lasse auch nicht die Hälfte der Einkäufe vergammeln und das täglich gekaufte Brot trocken werden und fahre nicht dreimal am Tag zum Supermarkt, weil plötzlich ein Brühwürfel fehlt. Alles ist auf einmal so einfach geworden. Und wie meine bessere Hälfte noch am ersten Abend des Tags der Freiheit sagte, als er zum ersten Mal auf dem Sofa Platz nehmen konnte, auf dem normalerweise der Schwiegervater seinen Tag verbrachte: "Meine Güte, es ist so friedlich!" Ich bot ihm an einen Streit vom Zaun zu brechen, falls er das vermisste, aber nein, ganze elf Monate lang hatten wir in diesem Wahnsinn hier verbracht, voller Aggressivität und Verschwendung, in denen das Haus im Chaos und Schimmel versunken war und jetzt war das endlich vorbei.
Natürlich werden die Arbeiten noch andauern, auch die neuen Möbel können nicht alle innerhalb eines Monats erworben werden, aber ich bin optimistisch, dass die grundlegenden Renovierungsarbeiten, für die ich alleine verantwortlich bin, bis Ende Mai erst einmal ihren Abschluss gefunden haben werden...




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