Saturday, May 9, 2015

Bei den Carabinieri...

Auf der Post, auf dem Amt, in der Schule, in der Notaufnahme...bei diversen Themen kann ich inzwischen mitreden, was meine italienischen Erfahrungen angeht. Seit Kurzem kann ich ein neues Kapitel ergänzen: bei den Carabinieri. Ich fand mich in der Situation wieder eine Anzeige gegen Nachbarn und ihre freilaufenden Pitbulls erstatten zu müssen und fuhr damit vor dem für unseren Stadtteil zuständigen Gebäude vor. Ich fand mitten im Feierabendverkehr nur mit Mühe einen Parkplatz und war beim späteren Ausparken derart eingeklemmt, dass mich Passanten aus der Lücke herauswinken mussten und ich Blut und Wasser geschwitzt habe in der ständigen Angst irgendein wahllos geparktes Auto zu rammen. Das war aber erst der Auftakt des mehr als merkwürdigen Erlebnisses.
Bei den Carabinieri muss man draußen an einem hohen Gittertor klingeln, wird dann offenbar durch eine Kamera gescannt und schließlich mit persönlicher Türöffnung hereingelassen. Ich schilderte einem Carabiniere mit sehr kleinem Kopf mein Anliegen, was er völlig ausdruckslos zur Kenntnis nahm und mich dann bat Platz zu nehmen. Er meinte ebenfalls es würde aber eine Weile dauern, denn sie hätten bereits eine Schlange an Wartenden. Er wies in den Flur vor uns, wo sage und schreibe drei Personen saßen. Das war eine Schlange?! Wie konnten drei Menschen eine Schlange sein? Arbeitete der Mann etwa alleine? Nein, es liefen auch noch andere Personen in Uniform herum, einer davon brachte einen sehr tätowierten Mann von einem Zimmer in ein anderes. Ansonsten schien der Ort recht verlassen. 
Nach nur fünf Minuten allerdings hieß es, ich sollte mitkommen. Ich konnte kaum glauben, dass ich persönlich gemeint war und wir vier im Flur schauten uns ratlos an. "Wer von uns?" fragte einer meiner Mitwartenen. "Der Pitbull-Fall!" hieß es von um die Ecke. Hoppla, das ging ja schnell. Wieso kamen nicht erst die anderen dran? Ich folgte der Stimme in einen Raum am Ende des Ganges und was dann kam, das glaubt mir kein Mensch.
Ein kleiner, rundlicher Mann mit Bart und Brille saß hier in einem klassischen italienischen Büroraum mit alten Möbeln, halbleeren Schränken, vollem Schreibtisch, fieser, zentraler Beleuchtung von oben, die gelb gestrichene Wand zugepflastert mit Urkunden, Fotos, Wimpeln, sogar ein Dokument von Papst Benedikt mit bunten Verzierungen, persönlich ausgestellt auf den bärtigen Mann, hing direkt über seinem Kopf an der Wand hinter dem Schreibtisch. Die Rollläden waren mitten am Tag komplett heruntergelassen, das Fenster geöffnet. "Also, was ist passiert?" fragte er mich nüchtern und ich fing an zu schildern. Der kleine Mann schrieb in aller Seelenruhe auf dem Computer mit, wollte alles ganz genau wissen, suchte hin und wieder nach Paragrafen in einem Buch und schrieb dann wieder weiter. Ich musste mich sogar ausweisen, mein italienischer Pass kam endlich mal richtig zum Einsatz und wie immer größtes Erstaunen beim Anblick meiner vielen Namen. "Was denn, das ist ja mal eine Aufgabe! Wie kann man fünf Namen haben?!" - "Also es langen die ersten beiden", warf ich schnell ein, aber der Carabiniere war schon am tippen. "Und du bist Professoressa?" Sollte man bei so einem Amtsakt nicht eigentlich in jedem Falle gesiezt werden? Gut, ich ging darüber hinweg. "Richtig", bestätigte ich. "Und wieso bist du zu Hause und nicht in der Schule gewesen?" - "Ich arbeite von zu Hause aus, ich bin Freiberufler." - "Freiwillig oder hast du keinen Job gefunden?" - "Wie? Ja, höchst freiwillig. Das beste Arbeiten überhaupt." - "Ja, aber du könntest doch auch überall sonst hier einen Job finden. Welche Sprachen sprichst du noch außer Italienisch?" Was jetzt, wollten die mir einen Job anbieten?! "Also Italienisch, Englisch und Deutsch, etwas Französisch, etwas Niederländisch!" - "Mein Gott, Leute wie du werden doch händeringend gesucht. Bewirb dich doch mal bei Firmen. Die nehmen dich sofort!" Konnten wir vielleicht wieder auf den Fall zurückkommen? "Und du bist die Padrona des Schäferhundes?" - "Nein, eingetragener Halter ist mein Partner." - "Und wie sind sein Name, Geburtstag und Telefonnummer?" Gesagt, getan. "Und welchen Beruf hat er?" - "Gitarrist." - "Was, Gitarrist?" - "Ja." - "Habt ihr Kinder?" - "Nein." - "Dann sollte er das Instrument wechseln und zu Hause was anderes spielen!" Hoppla! Ich musste mich verhört haben! Er konnte das unmöglich gesagt haben! "Deve smettere di suonare le chitarre e suonare qualcos'altro quando è a casa!" Doch, er hatte es gesagt. Sprachlos saß ich da und merkte wie ich von jetzt auf gleich leuchtend rot anlief. "Na, stimmt doch! Wir sterben noch aus! Ein Kind muss doch möglich sein!" Dazu fiel mir nichts mehr ein. Dafür wurde sich jetzt eine Zigarette angezündet...mitten im Büro. Ist verboten, oder? Nahtlos wechselte das Thema wieder zur Anzeige. Der Fall wurde so präzise nachvollzogen, dass ich auch glatt in Deutschland hätte sein können. Jede Regung, jeder Gesprächsfetzen wurde bis ins kleinste Detail beschrieben, dass ich fürchtete, es würde noch Stunden dauern, bis ich endlich wieder Tageslicht sehen würde. Was wurde aber auch mittendrin viel Zeit vertrödelt! Und während der Drucker meine Aussage sechsfach auf Papier ausspuckte und der Vorgang eine halbe Ewigkeit zu dauern schien, ging die private Unterhaltung weiter: "Erstaunlich, dass noch jemand aus dem Norden hier nach Italien kommt. Ich meine, wir wollen alle weg und Leute wie du kommen freiwillig hier her! Aus Liebe! Das ist schon beachtlich! Ich hab mal drei Jahre lang in Bozen gearbeitet. Das sind ja fast Deutsche. Trotzdem hab ich nichts von der Sprache gelernt. Da hab ich gar kein Talent. Ich komme aus Neapel, hörst du ja an der Aussprache. Für mich ist es schon eine Herausforderung überhaupt korrektes Italienisch zu sprechen! Aber da in Bozen, da hab ich das beste Sauerkraut meines Lebens gegessen! Hast du mal deinen Schwiegereltern Sauerkraut vorgesetzt?" - "Wie? Nein... " - "Tu das, es ist köstlich, wenn man es richtig zubereitet. Zum Niederknien!" - "Und mit Bier dazu, damit das Klischee stimmt?" - "Nee, ich trinke kein Bier, ich trinke eigentlich keinen Alkohol. Aber Wurstel muss dazu!" Das war mein Fachgebiet! "Wurstel sagen wir nicht. Das ist so genommen kein deutsches Wort." - "Ach nein?! Was sagt ihr denn?" - "Na, wir haben zig verschiedene Sorten und nennen die typischerweise bei ihrem individuellen Namen. Und das Grundwort ist Wurst, nicht Wurstel. Wurstel oder besser gesagt Würstel ist ein süddeutscher Dialektbegriff. Ich würde niemals von Wurstel reden." - "Also Wurst!" - "Richtig!" Endlich war der Drucker fertig. "Lies dir alles noch mal genau durch und streich an, wenn was nicht stimmt. Bist ja Lehrerin, der Stift ist sogar rot, also walte deines Amtes!"
Es war anstrengend mich durch zwei DinA-4-Seiten Juristenitalienisch zu quälen, zumal der Carabiniere derweil nach eigener Aussage ein napoletanisches Volkslied vor sich hinsang und noch meinte, ob ich das kennen würde und ich nur dachte, das glaubt mir kein Mensch, was hier abging, aber gleichzeitig war ich auch stolz, dass ich den Text in seiner Gänze verstanden hatte. Jede Einzelseite wurde mir nun zur Unterschrift vorgelegt und völlig platt von diesem höchst eigenwilligen Besuch machte ich meine drei Kreuze wie am Fließband. Ganze zwei Stunden hatte es gedauert und jetzt verstand ich auch, dass zuvor von einer Schlange gesprochen worden war. Allerdings - man hätte das ganze auch sehr viel zügiger erledigen können und sagen wir mal abzüglich aller Privatgespräche mit einer guten Stunde hinkommen können. "Dann brenne mir doch noch die Tierarztrechnung und die Beweisfotos auf CD ROM und lasse sie uns zukommen", wurde mir noch mit auf den Weg gegeben, Hände wurden geschüttelt, dann verließ ich den sonderbaren Ort. Als ich zwei Tage später die besagte CD vorbeibrachte, fühlte ich mich bereits wie ein alter Hase. Ich klingelte erneut an, wurde hereingelassen und meinte souverän zum diensthabenden Carabiniere, dass ich eine Anzeige erstattet hätte und die fehlenden Dokumente wie erwünscht hier auf CD dabei hätte." - "Haben Sie einen Ausweis dabei?", meinte mein Gegenüber höflich (es ging also zur Abwechslung auch mal förmlich...). Erneut kam mein italienischer Pass zum Einsatz und ich wurde gebeten wieder im Flur Platz zu nehmen, während der Mann mit meiner CD, meinem Ausweis und meiner Kopie der Anzeige und skeptischer Miene um die Ecke verschwand. Nach nur zwei Minuten kam er schon wieder zurück und lächelte bestätigend, während er mir meinen Ausweis und die Kopie der Anzeige zurückgab "Perfetto, grazie mille!". Und während ich mich freute zur Abwechslung mal ein paar eloquente Höflichkeitsfloskeln auszutauschen, ließ ich mich wieder zur Tür bringen und war stolz, dass ich auch das hier gemeistert hatte...



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