Sunday, April 5, 2015

Noch ausstehende Fragen III

Eine Frage, die auch immer wieder vorkommt, dreht sich um Unterschiede zwischen dem Leben in der Toskana vor einem Jahr und dem jetzigen Leben in Genua. Allgemein kann ich sagen, dass es jetzt besser ist. Und immer noch weiter besser wird. Beruflich geht es aufwärts, eine bessere Stellung, mehr Konzerte, mehr Verkäufe, meine bessere Hälfte hat seinen Motorradführerschein gemacht und sich ein Oldtimer-Motorrad gekauft (Honda Dominator). Inzwischen haben wir dieses wieder verkauft und jetzt ein wirklich enorm schönes neues Baby erstanden, eine BMW F800GS. Das Fahren auf dem Motorrad war schon mit der Dominator absolut toll, diese Freiheit ist wirklich mit nichts zu vergleichen. Das Fahrerlebnis auf der neuen Maschine ist aber noch einmal etwas ganz Neues, ein nicht zu vergleichender Komfort, der auch die Sicherheit maßgeblich verbessert hat. In der Toskana waren wir gar nicht auf die Idee gekommen uns ein Motorrad zuzulegen, da man auch mit dem Auto überall gut hinkam. Ich hatte also keine Ahnung gehabt, wie viel Spaß das ist auf zwei Rädern unterwegs zu sein.
Wir haben inzwischen auch eindeutig mehr gemeinsame Freizeit. Das Pendeln zwischen der Toskana und Genua war unendlich anstrengend gewesen und meine bessere Hälfte war nicht nur sehr lange jeden Tag unterwegs, er war unter der Woche manchmal nicht einmal nach Hause gekommen, sondern hat in Genua übernachtet. Und weil er mit dem Auto zum Bahnhof gefahren war, saß ich im Zuge davon zwei Tage am Stück ohne Verkehrsmittel daheim, konnte also weder einkaufen, noch Besuche machen. Im Nachhinein betrachtet waren das unglaublich anstrengende Monate, die zwar gut genutzt wurden, aber sie waren tough emotional gesehen. All dies fällt nun weg, wir verbringen sogar meistens die Mittagspause zusammen und können noch die Abende für Unternehmungen nutzen. Seitdem wir in Genua sind, haben wir lustigerweise auch viel mehr mit Freunden aus der Toskana unternommen, sowohl dort als auch hier. Motorradausflüge, Barbecues, Konzerte, Kino, Partys und auch als Paar unternehmen wir mehr zusammen als früher. Auch wenn wir lieber in der Toskana wohnen würden, haben wir uns auch hier vor Ort gut eingelebt. Die Infrastruktur ist eindeutig besser, das Busnetz ist perfekt und wir wohnen direkt an einer Haltestelle, können uns also im Zweifelsfall sogar ohne Auto und Motorrad durch Ort und Stadt bewegen, die Geschäfte sind leichter zu erreichen und durch die Bank noch besser ausgestattet. Den Tierarzt haben wir um die Ecke und leider auch schon mehrfach in Anspruch nehmen müssen. Die Nachbarn sind größtenteils nett und im unmittelbaren Vergleich wesentlich aufgeschlossener als in der Toskana. In der Toskana kam es vor, dass man tagelang gar niemanden sprach. In Genua ist das eigentlich unmöglich. Die meisten sind selbst zugezogen und kommen aus allen Ecken Italiens, was sie teils selbst als Auswanderer fühlen lässt. Auch leben mehr Deutsche und Deutschsprachige hier vor Ort, mindestens einmal die Woche bin ich somit mit Leuten zusammen, mit denen ich Deutsch spreche oder sprechen könnte.
Ich habe auch mehr Businesskontakte als früher, mehr Wissen und mehr Erfahrung, was nichts mit dem Wohnort zu tun hat, sondern mit einem intensiv genutzten Jahr und recht ehrgeizigen Zielen und detaillierten Plänen, die es umzusetzen galt und gilt. Solche Ergebnisse zu sehen, ist immer schön und gibt weiter Ansporn, gerade wenn die Lebensqualität eindeutig verbessert ist und man es als Zeichen nimmt, dass sich all die harte Arbeit auch langfristig lohnt. Aktuell hab ich mich aber so ins Zeug gelegt im ersten Quartal des Jahres, dass ich alle Batterien erstmal wieder aufladen muss. Das macht mich glatt schon wieder nervös und ärgert mich, wenn ich nichts weggeschafft bekomme, aber auch solche Phasen gehören dazu und erfüllen ihren Zweck.
Die vielleicht größte Umstellung war natürlich der Umzug zusammen mit den Schwiegereltern. Und das war auch der eindeutig verschlechternde Aspekt im ganzen "altes Leben vs. neues Leben" Vergleich. Ein Jahr unter solchen Bedingungen ist auch sehr hart, aber würde man mich fragen, ob ich es wieder tun würde, würde ich ja sagen. Nicht weil es toll ist, sondern weil ich viel dabei gelernt habe. Ich weiß noch genauer, was ich im Alltag brauche und was ich unter gar keinen Umständen akzeptieren will. Ich weiß, was für eine Ehe ich auf gar keinen Fall führen will. Und auch zwischenmenschlich habe ich viel dabei gelernt. Auf engem Raum mit anderen Personen zu leben, die man sich nicht ausgesucht hat, ist mit einem WG-Leben zu vergleichen, was ich als Student nie selbst kennen gelernt habe. Man sollte es mal getan haben um mitreden zu können und meine Schwiegereltern sind nicht gerade die einfachsten Mitbewohner. Ich weiß jetzt was es heißt keine Privatsphäre zu haben, keinen Rückzug und keine eigenen vier Wände, über die man frei bestimmen kann. Es ist wie eine militärische Grundausbildung, die mich auch charakterlich geschliffen hat. Dagegen ist nichts zu sagen, sofern es sich zeitlich in Grenzen hält. Alles in allem wird ein Jahr vergangen sein, ehe die Schwiegereltern wirklich und endgültig ihre Sachen gepackt haben. Und das ist in Ordnung. Ich versuche immer aus allem und jedem zu lernen, was sich ereignet und oftmals lernt man leider mehr, je heftiger man in die Mangel genommen worden ist. Als Ergebnis davon kippelt man danach nicht mehr so einfach, ist nicht mehr so leicht aus der Ruhe zu bringen und die Selbstsicherheit steigt.
Würde man mich also vor die Wahl stellen auf diesem Weg weiter zu gehen oder das alte Leben in der Toskana wieder zu bekommen, würde ich mich eindeutig für das neue Leben hier entscheiden mit dem Ziel irgendwann wieder ein noch neueres Leben in der Toskana zu beginnen. Oder vielleicht an einem noch ganz anderen Ort...



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