Monday, February 9, 2015

Unter Ausländern...

Da saß ich wieder im Zug nach Pisa und kaum sehe ich mein Abteil, fängt in seinem Inneren ein wildes Geräume an: Taschen und Jacken werden von A nach B verschoben, Koffer und Trolleys auf den Ablagen verrückt. "Scusi", mein ich gleich entschuldigend zu dem Mann, über den ich dann noch hinweg steige um meinen Platz genau in der Mitte einzunehmen. "Aber ich bitte Sie!" kam gleich zurück. "Herzlich Willkommen, wir sind hier schon eine nette Runde!" - "Na dann" denke ich und schaue mich erstmal um, "hoffentlich werde ich nicht schon wieder in intellektuelle Gespräche verwickelt, die mich hoffnungslos überfordern!" Nein, ich war in einer geschlossenen Gesellschaft gelandet, eine amerikanische Familie, ein amerikanischer Student und ihr italienischer Führer. Und sie waren nicht allein, mit ihnen reisten noch 70 weitere Amerikaner, die auf den ganzen Zug verteilt waren. Eine Zeit lang versuchte ich mich auf mein Coaching-Buch zu konzentrieren, aber als ich nach einer halben Stunde noch nicht über eine Seite hinaus gekommen war, gab ich das Vorhaben auf. Stattdessen erfuhr ich, welche verschiedenen Zubereitungsarten es für Austern gibt und dass man die in den USA durchaus auch frittiert serviert, während man in Europa wohl eher eine Art Räuchern bevorzugt, bei denen aber die Austern immer noch mehr oder minder roh bleiben und voller Giftstoffe aus dem Meer und deswegen nicht für jedermann verdaubar. Nicht, dass ich jemals vor hätte Austern zu verspeisen, egal in welchem Zustand, aber fremde Gespräche zu belauschen, finde ich immer interessant, besonders, wenn die Sprecher sich so unbelauscht vorkommen. Ich hörte dann auch, dass Haie über die Mäuler wahrnehmen und deswegen durchaus auch mal Menschen oder Surfbretter aus reiner Neugier anknabbern, um zu schauen, worum es sich bei dem seltsamen Objekt handelt. Ich erfuhr, welche neuen Ausstellungen es gerade in Mailand gibt und dass der Student neben mir gleich drei Masterabschlüsse anstrebte, was die amerikanische Mutter mir gegenüber völlig sinnvoll fand, während sie eine Erdnuss nach der anderen mit samt der Schale (!) verschlang. Ihr Mann erzählte derweil mit leuchtenden Augen, wie sie von ihrer Kirche aus das Abendmahl von da Vinci als Bühnenstück mit einem Hollywoodregisseur aufgeführt hätten. Und sie könnten ja gar nicht erwarten das Original endlich zu sehen. "Oh look, look, we are in Le Spiisier!" - "Eh, La Spezia!", korrigierte der italienische Führer, während der kleine Sohn im Grundschulalter alle paar Minuten laut rief "We are in a tunnel!" Während draußen das Meer laut tobend gegen die Felsen der ligurischen Küste klatschte, stellten die Eltern schließlich noch fest, dass es hier landschaftlich doch ziemlich an West Virginia erinnern würde...also bis auf die Burgen, wurde nach einigem Zögern noch ergänzt. Und bis auf die Marmorbrüche. Und bis auf die vielen Italiener eben. "Manchmal sind die Italiener im Zug kaum zu ertragen", stellte der Führer in den Raum. "Einige brüllen derart laut am Telefon oder unterhalten sich stundenlang lautstark mit irgendwelchen Mitreisenden, dass man sich wünschte ganz allein im Zug zu sein!" Mit einem Seitenblick auf mich antwortete der amerikanische Vater: "Naja, das trifft auch auf uns zu. Ich glaub unser Gast wird uns auch auf ewig hassen!" Wer, ich? Wieso Gast? "Wir müssten sie fragen, ob wir ihr auf die Nerven gehen!" - "Me? No, I'm fine!" schaltete ich mich nur kurz ins Geschehen ein und alle lächelten mir freundlich zu. "Ja, wir sind kulturell etwas überfordert", erklärte die amerikanische Mutter. "Bei uns daheim, wenn wir draußen auf der Veranda sind, dann winken wir jedem zu, der vorbei fährt. Einfach als Signal 'Ich hab dich wahrgenommen'. Ich glaub, hier verschrecken wir die Leute. Wenn man die Leute in Genua anlächelt, dann starren sie einen an, als hätte man sie bedroht." - "Ja, das ist in Großstädten aber meistens so", erklärte der italienische Führer. "Ist wahr, in New York City lächelt auch keiner zurück!" wurde allgemein genickt und der amerikanische Student fügte noch hinzu: "Das verunsichert aber dennoch. Man will ja freundlich sein. Wenn ich in eine Bar gehe mit Freunden, dann gehen wir da hin und sagen 'Komm, freunden wir uns mit denen da am Tresen an!' Ich glaub, das wollen die hier aber nicht." - "Das liegt daran, dass du riesengroß und blond bist. Du fällst einfach zu sehr auf!" meinten seine Mitreisenden. Kurz vor Pisa entschloss sich der Führer schon mal aufzustehen und den Rest der Truppe zusammen zu trommeln. "Arrivederci e buona giornata!", rief er mir zu, dann war er verschwunden. "Hoffentlich verpassen wir die Station nicht", hieß es jetzt besorgt aus Übersee. "Ich steige auch in Pisa aus", versicherte ich und gleich lehnten sich die Amerikaner wieder beruhigt in ihren Sitzen nach hinten. "Ach, dann sind wir gerettet - wir laufen dann einfach hinterher, ist das in Ordnung?" Prompt hatte ich den Sohn im Grundschulalter neben mir sitzen "Do you speak Italian?" fragte er interessiert. "Yes, I do!" - "Und Englisch spricht sie auch, das hörst du ja!", meinte die Mutter. "Und ich spreche auch Deutsch..." ergänzte ich. Oooooooh, das war ja der absolute Wahnsinn, plötzlich saßen alle aufrecht! "Was, auch noch Deutsch??!! Meine Güte, dass man so viele Sprachen sprechen kann, das ist ja unglaublich!" Ich glaub dieses Grüppchen war das erste jemals, bei dem ich mit drei Fremdsprachen wirklich hatte Eindruck schinden können, ich hab dann auch nichts mehr von Niederländisch und Französisch gesagt, ich wollte es ja nicht übertreiben. "Also ich bin Deutsche, deswegen hab ich Deutsch jetzt nicht wirklich gelernt." - "Ach das ist ja interessant! Deutschland hätten wir auch noch gerne gesehen! Vielleicht fallen wir da optisch nicht so auf!" - "Ich hab auch einen deutschen Nachnamen - Sandkuhler!", warf der Student neben mir ein. "Ja, das ist tatsächlich deutsch!" Jetzt waren wieder alle voll Ohr. Was ich denn hier machen würde und wie es so sei in Italien und sie hätten sich ehrlich gesagt Italien anders vorgestellt als das, was sie in Genua bislang gesehen hätten und das Frühstück sei hier wirklich seltsam. Ich erfuhr noch, dass das Grüppchen eventuell ein ganzes Jahr lang in Europa bleiben wollte, aber die Hintergründe konnte ich nicht mehr erfahren, auch wenn es mich wirklich interessiert hätte, aber leider war unsere gemeinsame Fahrt zu Ende. "Alle schnell Sachen packen, wir fahren gerade in Pisa ein! Und dann einfach mir nach...!"
Nur eine Woche später war ich schon wieder in Pisa. Ich hatte noch etwas Zeit ehe ich eine Freundin treffen würde, also entschloss ich mich bei dem schönsten Sonnenwetter noch einen Abstecher zum Schiefen Turm zu machen. Unglaublich, aber selbst mitten im Winter tummelten sich hier Hunderte von Touristen und jeder Dritte war mit seinen Kung-Fu-Armhaltungen dabei, das ultimative Pisa-Foto zu machen...natürlich glaubte auch jeder Dritte er sei der Erste, der ja auf diese ausgefallene Idee gekommen sei! Ich zückte auch die Kamera, aber mehr um einfach die Szenerie und den schönen blauen Himmel festzuhalten. "Willst du ein Foto mit dir vor dem Schiefen Turm?", fragte plötzlich einer. "Wie?! Nee, nee, vielen Dank, aber ich bin kein Tourist!" Ich durfte wirklich keine Bilder an Touristenorten machen. Dasselbe war mir damals in London ständig passiert, als ich da gelebt habe. Kaum machte ich ein Foto von irgendwas, wurde ich gefragt, ob ich ein Foto von mir vor der Szenerie haben wollte, völlig egal wie lange ich bereits dort ansässig gewesen war. Hingegen werde ich an Orten, die ich zum ersten Mal sehe, typischerweise von irgendwem nach dem Weg gefragt. Was aber schön ist, wenn man unter vielen anderen Ausländern ist: ich habe dann gar nicht mehr den perfektionistischen Drang möglichst als Einheimische durchzugehen...und stattdessen kommen selten so viele anerkennende Blicke wie in diesen Momenten, wenn die Leute denken: "Donnerwetter, die Touristin kann ja richtig gut Italienisch!" Hehehe...





2 comments:

  1. Immer so schöne Fotos!! :)

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  2. ICH WILL AUCH ENDLICH MAL PISA BESICHTIGEN!

    LG

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