Saturday, January 24, 2015

Projektinterview "Burnout" Teil II...

....

BE: "Was will uns ein Burnout deiner Meinung nach sagen?"

C: "Nach meiner eigenen Erfahrung, aber auch nach den Geschichten, die ich von anderen gehört habe, ist es ein Weckruf, dass wir nicht so leben, wie wir leben sollten. Wir leben rastlos und über unsere Verhältnisse, wir leben kompliziert und vor allem nicht selbstbestimmt. So verlieren wir den Kontakt zu uns selbst und können unsere innere Stimme nicht mehr hören. Und wenn wir sie hören, dann ignorieren wir sie."

BE: "Was war bei dir der bestimmende Faktor? Zu hoher Ehrgeiz?"

C: "Es gab verschiedene Punkte, aber der wichtigste Faktor in meinem Fall war, dass ich ohne Auszeit verfügbar sein musste. Ich hatte keinen Abstand mehr, kein Privatleben, keine Ruhe. Ich hatte schon lange Arbeitstage und dann wurde ich abends noch mit Anrufen bombardiert. Und am Wochenende. Emails kamen auch rund um die Uhr und ich hatte anfänglich im Rahmen meines Verantwortungsgefühls zugesichert, dass ich Emails spätestens am zweiten Tag beantworten würde. Das brach mir das Genick. Ich fühlte mich regelrecht verfolgt. Hinzu kam, dass ich entschieden zu viel Verantwortung übertragen bekommen hatte und im Laufe der Wochen immer noch mehr auf mich geladen wurde und ich sah es immer nur noch schlimmer werden. So konnte ich kaum noch Qualität liefern, ich hechelte nur noch meinen Aufgaben hinterher und fühlte mich hoffnungslos überfordert. Das ging soweit, dass nicht mal mehr über meinen Feierabend froh war. Der alles bestimmende Gedanke war, dass ich ja am nächsten Morgen wieder hin musste. Es gab keine Pause und absolut keine Lichtblicke mehr."

BE: "Passt dazu der Gedanke, dass du dich verheizt gefühlt hast?"

C: "Ja, unbedingt."

BE: "Was hast du für dich aus der Erfahrung gezogen?"

C: "Ich weiß, dass ich meinem Instinkt hätte trauen müssen. Mein Instinkt hatte mir von dem Job abgeraten, mein Instinkt hat alle Alarmglocken schrillen lassen, als ich den Vertrag unterschrieben habe, ich habe es also gewusst. Ich hatte nur geglaubt, ich würde länger durchhalten."

BE: "Was hättest du anders gemacht, wenn du von vornherein deinem Instinkt gefolgt wärst?"

C: "Ich hätte nichts gewählt, das nicht zu mir passt. Ich wusste immer, dass ich am liebsten alleine arbeite, dass ich selbstständig arbeiten will, selbstbestimmt und kreativ. Ich bin ein Widder, ich kann mich nur schwer unterordnen, schon gar nicht bei Zielen, die nicht meine sind. Ich brauche eine gewisse Leidenschaft bei dem, was ich tue, es muss für mich einen Sinn haben, ich will inspirieren und mitreißen und nach Möglichkeit die Welt verbessern. Das verlangt nach eine großen Menge an Freiheit. Und diese Freiheit habe ich nie gehabt."

BE: "Was willst du Leuten mitgeben, die sich gerade in einer persönlichen Krise oder in einem Burnout stecken?"

C: "Achtet auf das, was ihr eh schon ganz tief drinnen wisst! Hört auf euren Instinkt und ruiniert euch nicht. Ihr seid effektiver und besser, wenn ihr das tut, wofür ihr geeignet seid. Erlaubt euch anzuhalten und lenkt euch nicht ab, weil die Stille euch mit augenscheinlich unbequemen Wahrheiten konfrontieren würde. Lauft nicht vor euch selbst davon. Vertraut darauf, dass das Leben sich um 180 Grad drehen kann und wird, wenn ihr euch auf den Weg macht!"

BE: "Wie erlebst du die Menschen, die du coachst?"

C: "Ich erkenne diese Dunkelheit wieder, in der sie sich befinden. Die Art, wie sie reden, wie sie argumentieren, auch wie sie sich geben. Wie sie ihren Alltag empfinden."

BE: "Was ist dein primäres Ziel, wenn du mit so einem Fall zu tun hast?"

C: "Ich schaue, dass ich den Betroffenen da abhole, wo er steht. Ich muss verstehen, was er über sich selbst und seinen Beruf, seinen Alltag und seine Zukunft denkt, sein Weltbild, sein Glaubenssystem, seine Erfahrungen. Jeder hat da seinen eigenen Weg gemacht und befindet sich an unterschiedlichen Punkten. Manch einer hat sich noch nie wirklich Gedanken gemacht über seine Ziele und über sich selbst, manch einen traf es subjektiv völlig unvorbereitet. Andere haben es kommen sehen und können auch schon formulieren, was sie glauben, was sie eigentlich stattdessen tun sollten. Die kämpfen dann mehr mit den letzten Hürden als mit den allerersten Metern."

BE: "Was sind deine größten Herausforderungen dabei?"

C: "Manch einer ist eine ziemlich harte Nuss, wenn es um sein eigenes Leben geht. Manch einer wehrt sich mit Händen und Füßen vor Veränderungen, oder hofft auf ein wahres Wunder, das sich ohne sein Zutun ergibt. Die schwersten Fälle sind aber die, die mit aller Macht abstreiten, dass es ein besseres Leben für sie geben kann."

BE: "Und die schönsten Momente?"

C: "Wenn sich auf einmal ein Knoten löst, wenn der Betroffene auf einmal Zusammenhänge erkennt und sich auf den Weg einlassen kann. Wenn ein Betroffener formulieren kann, was sein Instinkt ihm eigentlich schon lange gesagt hat und wenn ein Betroffener die ersten Erfolgserlebnisse hat. Das sind tolle Momente, in denen sich ein Mensch auch optisch völlig verwandelt."

BE: "Wie lange ist der Weg, den man zurücklegen muss, deiner Meinung nach?"

C: "Je nachdem, wo man ihn startet, hat man unterschiedlich viele Kilometer zurückzulegen. Der Prozess ist nie abgeschlossen, aber ich glaube, wenn man erstmal einige Zeit auf dem Weg verbracht hat, dann will man ihn auch gar nicht mehr verlassen. Hinter jeder Biegung erwarten einen neue Wunder und neue Erkenntnisse über sich selbst. Es wird nie langweilig."

BE: "Danke dir für das Interview!"


Interview: Barbara Eschwege

No comments:

Post a Comment