Saturday, January 24, 2015

Projektinterview "Burnout" Teil I...

Copyright: Barbara Eschwege

BE: "Gleich zu Beginn würde mich interessieren, wie lange das Burnout für dich gedauert hat und ob du heute noch davon beeinträchtigt bist."

C: "Es ist in der Tat eine gute Frage. Mein - nennen wir es mal - 'Burnoutmoment' ist jetzt über drei Jahre her, wenn man den Tag als Referenz nehmen will, ab dem dann nichts mehr ging. Es begann natürlich vorher, ich sage mal mindestens drei Monate lang dauerte die Phase, in der es sich täglich mehr zugespitzt hat und somit ist der ganze Prozess über dreieinhalb Jahre her. Nach dem besagten Cut kam nicht gleich der Aufwärtstrend, sondern erstmal ging es noch durch eine ziemliche Kuhle, über mehrere Wochen hinweg. und dann wirklich ganz ganz langsam Schritt für Schritt raus aus der Situation. Ich würde schnell behaupten, ich hätte das Thema wirklich komplett hinter mir gelassen, aber in Ausnahmesituationen kämpfe ich noch gegen ein paar mir völlig schleierhafte Symptome an und deswegen denke ich, dass es strenggenommen noch immer nicht ganz ausgestanden ist."

BE: "Was sind das für Ausnahmesituationen?"

C: "Ganz plastisch habe ich eine Situation vor Augen, in der ich Ende Dezember, also vor ein paar Wochen erst, war. Es war eine Einkaufssituation zwischen den Jahren und ich war in einigen Geschäften, um mir einen Kalender fürs neue Jahr zu kaufen. Das Gedränge hat mich immer nervöser gemacht, das Gewusel der Menschen, die vielen Stimmen, aber es war objektiv betrachtet keine wirklich außergewöhnliche Situation. Als ich irgendwann vor einem Regal stand und mir in Ruhe die verschiedenen Kalender anschauen wollte, da wünschte ich mir, ich würde völlig allein einkaufen können. Hinter mir standen ein paar Personen an anderen Regalen, relativ nah und in ziemlicher Hörweite und ich konnte mich nicht auf die Kalender konzentrieren, sondern fühlte mich wie in einem Karussell gefangen. Das machte mich so nervös und wütend, dass ich den Drang hatte die Personen hinter mir mit aller Wucht in den Gang oder auch gegen ein Regal zu stoßen und ich musste mich wirklich konzentrieren, um die Aggressionen nicht hochkommen zu lassen. Ich wollte niemanden im Umkreis von fünf Metern um mich haben und ärgerte mich gleichzeitig über mich selbst, dass ich so empfindlich war. Auf dem ganzen Heimweg dann hatte ich sogar Mühe zu sprechen und mich zu bewegen. Ich hing wie welk im Auto, ich saß sogar auf irgendetwas drauf und hatte keinen Antrieb noch mal aufzustehen und das, was es auch immer war, von meinem Sitz zu nehmen. Und als ich in Gespräche verwickelt wurde, fühlte sich meine Zunge schwer und unbeweglich an und ich musste ganz bewusst und mit viel Anstrengung formulieren. Es war aber eine wirklich extreme Situation, in der Form hatte ich es bereits monatelang nicht mehr erlebt."

BE: "Hattest du auch in der Vergangenheit Probleme mit ähnlichen Situationen, in denen es unruhig zuging oder viele Personen anwesend waren?"

C: "Nein, ich habe Unruhe immer recht gut wegstecken können und auch wegstecken müssen, denn ich habe eine ganze Reihe an Jobs gehabt, in denen es extrem unruhig und auch laut zuging und ich mich auch unter schweren Bedingungen konzentrieren musste."

BE: "Wann wäre für dich ein Zeitpunkt zu sagen, dass das Burnout in seiner Gänze komplett und vollständig überwunden ist?"

C: "Ich glaube, der Anhaltspunkt wäre für mich genau dieser, wenn ich Unruhe und Hektik völlig ohne Auffälligkeiten wegstecken könnte. Dann wäre es wirklich komplett und restlos überstanden."

BE: "Was glaubst du, wie hoch die Gefahr ist für dich, wieder in ein Burnout zu geraten?"

C: "Gute Frage, ich sehe das zweischneidig. Wäre ich wieder der extremen Unruhe ausgesetzt, glaube ich, dass es mich schnell wieder aus der Bahn werfen könnte, aber der Unterschied ist der, dass ich mich eben genau dieser Situation eigentlich nicht mehr aussetze. Wie alle anderen Burnout-Leidensgenossen hatte ich sämtliche Vorzeichen viel zu lange ignoriert und einfach weitergemacht, ohne zu ahnen, dass das den eigenen Abschuss bedeutete. Heute sind die Sinne um ein x-faches geschärft und die Alarmglocken melden sich augenblicklich, wie ich in der Situation im Geschäft auch gemerkt habe. Ich würde mich heute einfach nicht mehr der Gefahr aussetzen, der ich mich zu lange ausgesetzt hatte und von daher bin ich der Meinung mich relativ gut vor einem neuen Burnout schützen zu können."

BE: "Was hältst du von Menschen, die nach einer kurzen Auszeit wieder in ihren alten Beruf einsteigen?"

C: "Jeder Fall ist natürlich individuell und man darf nicht alle über einen Kamm scheren. Aber ich habe inzwischen auch mit so vielen Burnout-Patienten gesprochen und sie mit meinem Fall abgeglichen und immer wenn ich höre, jemand war vier Wochen zu Hause und geht dann unverändert wieder arbeiten, dann schüttelt es mich. Ich glaube nicht, dass das gut gehen kann."

BE: "Was muss getan werden, damit eine Wiedereingliederung gelingen kann?"

C: "Man muss genau hinsehen, was zum Burnout geführt hat. War es wirklich nur das eigene Überengagement? Oder waren es zu hohe Erwartungen von allen Seiten, waren es zu viele Aufgaben, fachliche Überforderung, war es Mobbing oder die allgemeine Atmosphäre vor Ort? Waren es private Gründe? Eine Rückkehr in den alten Job kann nur gut gehen in Fällen, in denen für unmittelbare Abhilfe gesorgt werden kann, also nur dann, wenn der Arbeitnehmer von sich selbst zu viel erwartet hat und gelernt hat, wie er das ändern kann oder wenn man ihm im Fall von zu viel Arbeit ein paar Arbeitsbereiche wegnimmt und ihn damit entlasten kann. In allen anderen Fällen macht es meiner Meinung nach keinen Sinn den alten Job weiterzumachen."

BE: "Was für Probleme könnten gezielt auftreten?"

C: "Nun, ich glaube, dass sehr schnell die Ausgangssituation wieder hergestellt wäre, egal wie diese ausgesehen hat. Sofern die Arbeit nicht rigoros umverteilt werden kann, wird die betroffene Person keinerlei Schonung erfahren, sondern es wird von ihr erwartet werden, dass sie wieder Gas gibt und das kann ich von Seiten des Arbeitgebers auch nachvollziehen. Es geht da draußen um Leistung, gerechtfertigterweise. Hinzu kommt, dass ein Burnout nicht gerade das Selbstbewusstsein pusht. Bislang habe ich noch keinen Burnoutpatienten kennen gelernt, der sich nicht klein und schwach vorgekommen ist und sich nicht in irgendeiner Weise wie ein Versager gefühlt hat. Wenn man vor dem Hintergrund wieder in eine Arbeitsumgebung kommt, die dafür nicht unendlich viel Verständnis hat, dann läuft die Person Gefahr unsensiblen Kollegen oder Chefs regelrecht zum Fraß vorgeworfen zu werden und ich nenne es bewusst so plakativ als 'Aas vor Hyänen', denn wenn zu einem derangierten Selbstbewusstsein und Überforderung noch Mobbing kommt, dann ist die Lage im Nu schlimmer als sie je gewesen ist."

BE: "Was ist, wenn der Arbeitgeber aus finanziellen Gründen keine andere Wahl hat als an seine Arbeitsstelle zurückzugehen?"

C: "Natürlich spielen solche Gründe die größte Rolle, wenn man über Rückkehr nachdenkt, aber ich stelle mal in den Raum, ob das Argument wirklich zieht, wenn der Arbeitgeber mit ziemlicher Wahrscheinlichkeit nach kürzester Zeit wieder k.o. geht und sich daraufhin von einer Krankschreibung zur nächsten hangelt. Hat er wirklich die freie Wahl? Oder sollte er nicht lieber alles daran setzen sein Leben so gut wie möglich zu verändern um wirklich eine Zukunft zu haben? Wer zurück kann und dies auch will, dem wünsche ich alles Gute, aber ich kann mir wie gesagt nicht wirklich vorstellen, dass das Gros der Betroffenen diese Wahl tatsächlich haben."

BE: "Wahl im Sinne, dass sie nicht zurück können?"

C: "Richtig, im Sinne von, dass es einfach nicht GEHT, dass der Betroffene ein paar Tage irgendwie übersteht und ihn dann die Welle wieder überschwappt und er gnadenlos untergeht. Dann hat er keine Wahl, sondern wird sich umsehen müssen, wie er sein Leben wieder in den Griff bekommen kann. Das geht oft nur mit großen persönlichen Veränderungen."

[Ende Teil 1]

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