Monday, December 15, 2014

Straßenverkehr und wie man darin überlebt...

Irgendwie wundere ich mich gerade, wieso ich denn bislang noch kein Wort zu einem DER italienischen Aspekte überhaupt verloren habe: dem Verkehr! Die übelsten Dinge hat man über das Autofahren in Italien schon gehört, die verrücktesten Geschichten und auch diverse witzige Fotos von Autos, die auf Treppen parken oder in 3. oder 4. Reihe stehen. Ich wollte mit dem italienischen Verkehr nie etwas zu tun haben, aber wenn man dann vor Ort wohnt, lässt sich das nicht mehr wirklich vermeiden. Schon gar nicht, wenn man allein zu Haus ist. In der Toskana ging das irgendwie noch. Ich hatte lange genug vor Ort gelebt um alle wesentlichen Straßen und ihre Eigenheiten zu kennen und damit hatte ich auch die einfachen Strecken herausgearbeitet, die einen weder mittags an Schulen vorbeiführen, noch hinterlistig auf die Autobahn leiten, noch über unübersichtliche Kreuzungen. Zumindest so weit möglich.
In Genua sieht der Spaß nun etwas anders aus. Es handelt sich um eine Großstadt, vollgepackt mit viel zu vielen Autos, ohne Parkmöglichkeiten und Personen, die einfach aus Prinzip kreuz und quer fahren. Eigentlich wollte ich da nicht fahren. Aber es ließ sich mal wieder nicht vermeiden. Was ich als erstes feststellte, war, dass es überproportional viele Mofas und Motorräder gab, die einen sowohl rechts wie auch links überholen und an der Ampel grundsätzlich bis ganz nach vorne fahren. Vielfach wird nicht geblinkt und überhaupt werden Verkehrsregeln recht großzügig ausgelegt. Auf einer dreispurigen Strecke bilden sich an der Ampel durchaus auch vier Reihen, passend dazu sind die allermeisten Autos sowieso von allen Seiten ramponiert und zeugen von einer Vielzahl Schramm- und Rammvorfälle. Meine bessere Hälfte ist davon überzeugt, dass die Genovesi ganz besonders bescheuert fahren und dass sowas in der Toskana nicht zu finden ist. In Ordnung, man muss tatsächlich ganz besonders aufpassen und alle Autos ringsum so gut es geht immer im Blick haben, denn da kann einer auch mal spontan ausscheren oder links ganz langsam bleiben oder auch mal mitten auf der Strecke stehen bleiben und aussteigen (ja, auch an den absurdesten Stellen!).
Aber der Vorteil ist aber: die Genovesi sind auch ungemein nachsichtig. Als ich meine erste Katastrophenfahrt durch das Stadtzentrum Richtung Meer im Feierabendverkehr bei Dunkelheit mit mehr Glück als Verstand überlebt hatte, musste ich feststellen, dass ich nicht ein einziges Mal angehupt worden war. Und ich hatte einige Male recht plötzlich Spuren gewechselt und auch mal in kopfloser Suche nach den richtigen Straßenschildern spontan abgebremst. Aber nicht ein Fahrer hatte sich irgendwie beschwert. Und da erkannte ich auch den Nutzen des ganzen Wahnsinns: alle fahren wie die Bekloppten, aber jeder richtet sich auch darauf ein, dass unvorhergesehene Dinge passieren können. Und so wird besonders nachsichtig gefahren. Ein weiterer Vorteil ist, dass man auch gerne mal zwischen zwei Spuren auf der Linie fährt. Was einen Klischeedeutschen sicher zur Weißglut treibt, habe ich mir vor Ort sofort angeeignet: fahre in der Mitte und so kannst du immer je nach Bedarf nach rechts oder nach links ziehen, sobald du weißt, wo du hin musst. Dazu musst du auch nicht blinken, denn dein Hintermann fährt sehr wahrscheinlich auch in der Mitte und würde dich auch nicht überholen. Wieso das noch so praktisch ist: es passiert auf einer großen Strecke sicherlich bis hin zu einem Dutzend Mal, dass Autos rechts in zweiter oder dritter Reihe halten oder links über viele Minuten hinweg warten müssen, ehe sie abbiegen können. Würde man streng in einer Spur bleiben, wäre man alle paar Sekunden wieder hinter einem Hindernis gefangen. Da heißt es schön flexibel bleiben.
Wie viel Freiheit das bedeutet, war mir erst klar, wenn ich mal wieder in Deutschland fuhr und merkte, dass ich mich dort irgendwie an die kürzere Leine nehmen musste. Das machte ja alles keinen Spaß, wenn man nicht in der Mitte fahren darf. Aber natürlich fahre ich in Deutschland auch entspannter, kaum dass ich das gesittete Fahren wieder drauf habe. Denn in Genua gibt es auch einige ganz ganz üble Kreuzungen, die weder mit Linien noch mit Ampeln ausgestattet sind. Man muss da mehr auf gut Glück fahren und dass da nicht laufend Unfälle passieren, wundert mich ja doch enorm. Letzte Woche musste ich allein dreimal zum Bahnhof fahren und das ist nicht gerade eine meiner Lieblingsstrecken. Solange ich in der Mitte fahren kann, ist alles gut. Aber dann fließen kurz vor Ziel drei Spuren in eine einzige und irgendwie geht das immer gut, aber ich weiß nie, welchem der Autos vor mir ich denn nun folgen soll. Kaum ist man in Reih und Glied, rollt man meterweise von einer schlecht koordinierten Ampel zur nächsten. Und dann darf man erst mal nicht rechts abbiegen, sondern muss eine weiter fahren, hat aber dummerweise rechts neben sich noch eine Bus- und Taxispur. So sterbe ich jedes Mal tausend Tode, wenn ich dann irgendwann mitten auf der folgenden Kreuzung nach rechts ziehen muss und dann ein riesen Ungetüm neben mir habe, das mir keinen Platz macht - und mir auch nicht mal Platz machen muss, denn die können ja auch geradeaus fahren. Noch hab ich den Dreh nicht raus, auch wenn ich letztes Mal in letzter Sekunde erkannte, dass der Bus neben mir auch abbiegen wollte. Nur dass er im waaahnsinnig großen Bogen ausholen musste und ich mich mental schon mal auf den Zusammenstoß vorbereitete. Ging aber alles gut und ja - auch bei diesem Mal hat mich nicht ein Fahrer angehupt! Vielleicht IST da ja die einzige Möglichkeit, um dort nach rechts zu kommen und ich habe verrückterweise alles richtig gemacht. Keine Ahnung. Zum Bahnhof selbst kommt man dann wieder recht einfach, und die Spuren sind auch wieder eingezeichnet. Hin geht also. Nur von dort weg, ist dann wieder ein riesen Problem. Ich glaube, es gibt nicht mehr als ein gutes Dutzend Parkplätze hier und natürlich halten alle paar Sekunden Autos, um Reisende aussteigen zu lassen. Eine offizielle Stelle zum Halten gibt es nicht, und so bleibt man einfach mitten in der Spur stehen und zwar so lange wie nötig. Dann muss man zweimal ganz eklige Kurven nehmen, um den Parkplatz wieder zu verlassen und hier stehen im Allgemeinen noch Vespas außerhalb jeglicher Markierungen geparkt, während Unmengen von Menschen auch noch zu Fuß unterwegs sind. Beim letzten Mal war ich davon überzeugt, mit meiner Limousine nicht um die Kurve zu kommen - vorne ein geparktes Auto, links von mir eine in die Spur ragende Reihe von mindestens 6 Mofas. Das konnte nicht klappen. Ich sah mich schon ein Mofa umkippen und das geparkte Auto rammen und geriet doch nicht gerade unwesentlich in argen Stress, aber wie durch ein Wunder hatte ich akkurat den richtigen Winkel eingeschlagen und kam gerade so ganz heil um die Ecke. Stress lass nach!
Dann muss man nur noch über zwei durchzogene Linien und einmal quer über eine Sammlung an Busspuren, was mir jedes Mal so falsch vorkommt, aber das scheint tatsächlich der einzige Weg nach Hause zu sein. Und kaum fährt man nur wenige Kilometer weiter raus wieder in der Mitte zwischen zwei Spuren, da überkommt einen doch endlich das gute Gefühl, den Stadtverkehr mal wieder glänzend gemeistert zu haben...


No comments:

Post a Comment