Saturday, December 27, 2014

An der deutsch-italienischen Front...

Immer wenn ich nach Deutschland fliege, bereite ich mich mindestens einen Tag vor Abflug mental darauf vor wieder deutsche Töne zu hören, von Deutschen umgeben zu sein und vom einen Leben in das andere, parallele, zu wechseln. Das gleiche passiert auch anders herum, wenn ich dann von Deutschland aus wieder nach Italien fliege. Und dennoch bin ich jedes Mal aufs Neue überrascht.
Die Zugfahrt über war ich noch von Italienern jeglicher Art umgeben, eingequetscht im vollen Abteil, in dem wir gar nicht mehr wussten, wo wir am besten unsere Füße ablegen sollten. Ein Pärchen, das mir gegenüber saß, sah so stereotyp italienisch aus, dass ich erst gegen Ende der Fahrt anfing ihre Gesichter, Hände und Körperhaltung genauer zu studieren und feststellte, dass es vermutlich Geschwister waren, so gleich sahen sie aus. Und ein blonder, blauäugiger, stämmiger Mann rechts von mir sah mehr nach Bayern aus als nach Italien, aber er hantierte mit seinem Pass herum, ehe er einschlief und war tatsächlich ein waschechter Italiener. Ein rothaariges, fast durchscheinendes Mädel neben mir hielt ich für ein Kind, z.B. auf dem Weg in die Schule und vermutlich aus Osteuropa. Das "Kind" trug allerdings einen Ehering, wie ich dann sah und sprach höchst überzeugend Italienisch, als die Schaffnerin ihren Kopf ins Abteil streckte um die Tickets zu lochen. Dabei weckte sie auch den fünften im Bunde auf, ein Kerl um die 20 am Fenster, der für mich ein typischer Tamarro war, so wie er da saß mit seiner Kappe, den Stöpseln in den Ohren und einem höchst coolen und gelangweilten Gesichtsausdruck. Kaum zu glauben: als wir am Friedhof von La Spezia vorbei fuhren, starrte der Tamarro aus dem Fenster, bekreuzigte sich sichtbar und küsste eine Kette mit Madonnenanhänger, die er spontan aus seinem Pullover zog. Hoppla, das war sogar für mich eine Überraschung, wo ich gerade geglaubt hatte, den Kerl genau durchschaut zu haben. Auf einmal fühlte ich mich sehr anders und ziemlich allein inmitten dieser höchst verschiedenen italienischen Fahrgäste. Vielleicht war es ja ganz nett am Flughafen auf Deutsche zu treffen.
Ich kaufte noch etwas Feinkost, ehe ich mich zum Gate begab und die Verkäuferin sprach hartnäckig gebrochenes Englisch mit mir, egal wie hartnäckig ich weiterhin auf Italienisch antwortete. "Gute Frau, ich bin kein Tourist, ich wohne hier!" hätte ich am liebsten gerufen, aber sie war voll in ihrem ausländerfreundlichen Element und schloss strahlend mit "Hev a plehsant flait". "Grazie", konterte ich noch einmal und schloss mich dann den anderen Passagieren an.
Aber wer waren diese? Nein, nach Touristen sahen nur ganz wenige aus. Bei 90 Minuten Flugverspätung hatte ich reichlich Zeit den Gesprächen meiner Mitreisenden zu lauschen oder ihnen über die Schultern auf Bücher, Zeitschriften oder Ausweise zu schielen. Wer kurz vor Weihnachten nach Deutschland flog, der war weniger Tourist als Wanderer zwischen zwei Welten. Fast jeder in dieser Schlange schien zweisprachig zu sein; ich hörte Deutsche Italienisch sprechen und Italiener Deutsch sprechen, natürlich auch Italiener Italienisch sprechen und Deutsche auf Deutsch. Es waren wie immer eine Vielzahl an gemischten Familien darunter, meistens mit italienischen Vätern und deutschen Müttern, einige gemischte Paare, bei denen man nur raten konnte, ob sie eigentlich in Italien oder in Deutschland gemeinsam wohnten und unglaublich viele Auswanderer, die Familienangehörige besuchen wollten oder von so einem Besuch jetzt zurückkehrten. Ein Italiener kehrte jetzt zu seiner deutschen Frau in sein deutsches Zuhause zurück und erklärte lang und breit die Vorzüge einiger hessischer Kleinstädte, die eigentlich gar nicht so viel anders seien als sein Herkunftsort; ein ziemlich alter und allein fliegender Italiener quatschte jeden an, der ihm nicht entwischen konnte und eine Frau mit deutschem Kreuzworträtsel in der Hand gab ihm alle paar Minuten ein italienisches Update zur aktuellen Flugverspätung. Eine italienische Mutter mit Tochter und deutschen Pässen flog zurück nach Deutschland, wo ihr Mann nun eine Festanstellung gefunden hatte und deswegen nicht die Familie in der Heimat hatte besuchen können. Eine Deutsche mit starkem Akzent sprach mit ihrem offenbar italienischen Partner am Telefon und verschiedene Kinder sprachen mal die eine, mal die andere Sprache, wobei es interessant war, dass einige die Sprachen knallhart wechselten, sobald sie italienischen Boden verlassen hatten und sich Deutschland näherten. An Bord dieses Fliegers schienen ausschließlich Deutsche und Italiener zu sein, die irgendwie zwischen den beiden Ländern am pendeln waren. Irgendwie gab mir das ein vertrautes Gefühl. Fast automatisch zog ich meine beiden Pässe raus, meinen deutschen und meinen italienischen und versuchte herauszufühlen, mit welchem ich gerade mehr anfangen konnte. Dann packte ich meinen deutschen Ausweis weg und hielt den italienischen fest. Schließlich dann doch wieder andersherum, denn meine deutsche Ausweisnummer war auf dem Ticket gedruckt und damit gültig für diesen Flug. Irgendwie waren wir eine große deutsch-italienische Suppe, die man nicht mehr sauber zuordnen konnte und das war gut so. Eine Katastrophe allerdings für eine Flughafenangestellte, die eine Umfrage machte und festhielt, welcher Nationalität man angehörte und wie viele Nächte man in Italien verbracht hatte. "German?" fragte sie freundlich. "Yes", sagte ich. "Hau meni nait juh stej ier in Italia?" legte sie nach. "Naja, ich wohne hier", sagte ich erst auf Englisch, dann auf Italienisch "Ah, verstehe, dann giltst du als Italienerin für diese Liste. Wie viele Nächte wirst du in Deutschland bleiben?". Die hinter mir waren Italiener, die antworteten auf die gleiche Frage "Wissen wir noch nicht, aber vermutlich lange." Ob die Frau mit ihrer Umfrage zu irgendeinem Ergebnis gekommen ist, wage ich zu bezweifeln, zu durcheinander war diese Ansammlung an deutsch-italienischen Mischformen, die sich hier wie ich auf die Reise machte, von einer Heimat zur anderen...



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