Saturday, October 11, 2014

Der Morgen danach...

Der Tag der Flut ging für mich um 3 Uhr nachts zu Ende, nachdem der Regionalsender auch nichts Neues mehr zu berichten wusste. Draußen tröpfelte es noch fröhlich vor sich hin, aber die Straßenlaternen rundherum funktionierten nahezu alle wieder, der Strom war da, TV und Internet ebenfalls. Ich habe geschlafen wie ein Stein und vom Rest der Nacht nichts mitbekommen. Am Morgen hieß es deswegen: erstmal informieren! Beim Öffnen der Klappläden sahen wir, dass die Wassermassen abgezogen waren. Die Grünflächen sahen aus wie Algen bei Ebbe, alles war offenkundig großem Druck ausgesetzt gewesen, Schäden waren jedoch keine zu erkennen. Der Himmel jedoch zeugte von einer einmaligen Situation: er war dunkelgrau und ein Donnergrollen folgte dem nächsten. Der Regionalsender wurde sogleich wieder eingeschaltet, sie sprachen von vielen Schäden, viel Unmut über schlechte Organisation wurde laut. Die Wut traf hauptsächlich den Bürgermeister, der sich bis zum späten Abend im Theater aufhielt und der nicht zur Verfügung stünde, ferner die Protezione Civile, die nicht rechtzeitig gewarnt und aktiv geworden wäre. So oder so, der Schaden war bereits geschehen. Und damit auch die Lage unübersichtlich. Hier außerhalb tobte in erster Linie ein schweres Gewitter und im TV wiederholten sie laufend die Aufforderung in den Häusern zu bleiben und das Auto stehen zu lassen. Wir nahmen unseres dennoch, denn meine bessere Hälfte bestand darauf noch schnell einiges einzukaufen. Die großen Supermärkte weiter unten waren geschlossen da unmittelbar am Fluss Bisagno gelegen. Also fuhren wir in den Ort hoch und rannten beim nächsten Platzregen in den kleinen Tante-Emma-Laden, der geöffnet hatte. Und wir waren nicht allein. In Gummistiefeln und Regenjacken tummelte sich hier eine ganze Stange an Personen, die ohne zu murren die überteuerten Lebensmittel einkauften. Immerhin hatte keiner eine andere Wahl. Die Besitzer taten ihr möglichstes, begleiteten Kunden mit Schirmen zu den Autos und verkauften sicherlich so viel wie schon lange nicht mehr. Auf ihr eigenes "Buongiorno" ergänzten sie sofort: "Diese Begrüßung passt irgendwie heute nicht, aber was solls..." und das "was solls" traf die allgemeine Atmosphäre hier oben auf dem Hügel. Man war alarmiert, aber nicht in Panik. Wir hörten verschiedene Berichte aus dem Zentrum, einige wussten, dass ihre Geschäfte im Schlamm standen, aber niemand kam aktuell durch die Bahnhofsunterführungen durch. Einige wenige, die am frühen Morgen nach unten gefahren waren, waren von der Polizei wieder nach Hause geschickt worden. Auch meine bessere Hälfte konnte nicht zur Arbeit fahren und machte sich deswegen sogar Vorwürfe. Ich fand's erstmal wichtiger, dass wir wieder nach Hause kamen! Langsam fuhren wir die Serpentinen nach unten und alle paar Meter flossen breite Flächen an Wasser quer über die Fahrbahn. Aus Rohren kam in hohen Bögen Wasser geschossen, aber darüber hinaus schien alles in Ordnung zu sein. Im Gegenteil sogar: es war alles unglaublich sauber! Im Gegensatz zum Zentrum war hier oben nur glasklarer Regen gefallen, hatte alles mit Wucht gewaschen und fast blitzblank zurück gelassen. Schlammreste gab es nicht zu sehen, kein Abfall, keine mitgerissenen Vespas oder Müllcontainer. Sirenen heulten hier und da auf, aber ansonsten war nichts Ungewöhnliches festzustellen. Als das Gewitter am frühen Nachmittag aufhörte und sich der Himmel langsam aufhellte, trauten sich die ersten Nasen wieder aus ihren Behausungen. Auch ich sprang sogleich in die Gummistiefel um Ludwig endlich wieder Bewegung anzubieten und konnte im Laufe der folgenden Viertelstunde noch größere Flächen des Ortes erkunden. Nein, auch bei näherem Hinsehen waren keine wirklichen Schäden auszumachen. Der Kanal am Ende der Straße hatte sich jedoch inzwischen in einen tosenden Fluss verwandelt. Während noch am Tag zuvor hier die Wassermassen gleichmäßig durchs Gitter rauschten, hatte sich dieses inzwischen mit Ästen und Müll jeglicher Art vollgesetzt. Dementsprechend staute es sich und man konnte sich ausmalen, welchen Weg dieser gemischte Abfall bereits hinter sich gelegt hatte. Dass hier bald gereinigt werden müsste, stand außer Frage. Es war aber schon der einzige Hinweis darauf, dass sich hier nur wenige Stunden zuvor etwas Außergewöhnliches zugetragen haben musste...



1 comment:

  1. Ein Wunder das noch alles steht bei euch!

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