Tuesday, September 30, 2014

Von Rosen und Terroni...

Eigentlich bin ich ein Mensch, der sich mit Zwischenschritten nicht gut abfinden kann. Ich will hundert Prozent, alles, kann nur einen endgültigen Zustand akzeptieren, aber das ist eindeutig noch ein charakterliches Überbleibsel aus meinen schwarz-weiß-Zeiten, in denen ich nur gut oder schlecht, nur ganz oder gar nicht kannte. So arg ist es damit nicht mehr, ich habe endlich akzeptiert, dass Personen nie nur gut und nie nur schlecht sind und ebenso Situationen nie perfekt oder komplett vermurkst sind. Und immer wenn ich mich darüber beklage, dass die Schwiegereltern noch im Haus wohnen oder die Renovierung noch nicht abgeschlossen ist, dann erinnert mich meine bessere Hälfte daran, dass ich vielleicht wieder auf die Graustufen achten sollte und erkennen, was alles schon erreicht ist und wovon man auch in oberflächlich gesehen schlechten Zuständen noch profitieren kann. Seit einigen Wochen übe ich das. Okay, ich kann nicht von jetzt auf gleich eine hunderprozentige Umsetzung meiner Ideen erwarten, ebenso wollen einige Dinge wachsen und gedeihen, ehe sie Früchte tragen können. Das Zauberwort heißt also nicht nur Geduld, sondern auch den Blick zu schärfen, für Gutes, das bereits erreicht ist und Gutes, das sich im scheinbar Schlechten verbirgt. Geduld haben wir bereits bewiesen, drei Jahre Fernbeziehung, viele Wochen des Nichtsehens, viele berufliche Hürden haben wir überwunden, viele Jahre auf eine Scheidung und gute Verträge gewartet - doch, in Geduld sind wir wirklich gut. Deswegen versuche ich diese bewährte Geduld nun auch auf die Dinge zu übertragen, die mir noch nicht passen. Ich musste überrascht feststellen, dass es einem so eine flächendeckende Nervosität nimmt, wenn man den Dingen ihre Zeit lässt. Wenn ich beispielsweise mit Hund im Garten sitze und einfach akzeptiere, dass ein Garten nicht innerhalb weniger Wochen so ist, wie man ihn gerne hätte. Weil man vielleicht noch keine komplette Idee zur Gestaltung hat, oder weil die Pflanzen langsam wachsen oder weil man einfach noch nicht dazu gekommen ist, sich dem Garten richtig zu widmen. Auch wenn die Zäune außenrum ausgetauscht werden müssen und die beiden Tore hässlich und halb verrottet sind und wenn noch kein Sichtschutz zu den Nachbarn zur Rechten ist, ich versuche jeden Tag anzuerkennen, wie toll beispielsweise die insgesamt zwanzig (20!) Rosen sind, die etwas merkwürdig auf die Fläche verteilt wurden und wie gut sie duften. Und dass da ein erstaunlich großer Lorbeerbaum (!) steht und auf dem scheußlichen Zaun über viele Meter erstreckt eine üppige Maracujapflanze wächst, die diverse Früchte trägt. Und dass es eine Reihe an ebenfalls unorthodox angeordneten Gladiolen gibt und gute zwei Quadratmeter an dichtem Pfefferminz. Ist doch egal, dass der Garten ansonsten noch nicht angelegt ist. Das sage ich mir täglich. Die Ruhe liegt genau darin und sollte nicht verwechselt werden mit Gleichgültigkeit. Ziele erhalten die Spannung und Kreativität und den Wunsch etwas zu verbessern und verschönern, egal wie lange es dauern wird, bis es vollbracht ist. So sehe ich dann auch ein weiteres Ärgernis mit etwas mehr Geduld: die Tatsache, dass unser großer Garten von Nachbarn besetzt ist. Weil der Garten von unseren Vorgängern nicht benutzt worden war, hatten sich die Nachbarn zur Rechten das Terrain einfach unter den Nagel gerissen. Und es passte ihnen gar nicht, dass wir unseren Garten eingefordert haben, als wir dann herzogen. Man sollte meinen, der gesunde Menschenverstand würde hier klar stellen, dass sie kein Recht haben auf dem Terrain zu bestehen, aber - ja, ganz tief in die Stereotypenkiste gegriffen: es sind uralte Terroni, Süditaliener, in der Nachbarschaft dafür bekannt, dass sie des Nachts aus den Gärten der anderen klauen, Ernte, Pflanzen, Gerätschaften und das alles mit einer Selbstverständlichkeit, die sich gewaschen hat. "Siamo gente perbene!" stellten sich sich anfangs mit starkem Südakzent vor - "anständige Menschen"! Worauf sich dieses Urteil gründet, ist niemandem hier klar, denn welche Moral erlaubt es sich frei nach Belieben links und rechts zu bedienen? Auch sonst fallen sie aus der Reihe, sprachlich, von der Größe her (der Mann kommt auf gut 1,55m, seine Frau auf 1,45m) und ganz dramatisch: beide können nicht einmal lesen und schreiben. Nein, auf die Idee wäre ich im Jahr 2014 nicht gekommen, aber wenn der Postbote etwas liefert, dann unterschreibt Mister Terrone mit drei X! Er kann also nicht einmal seinen eigenen Namen schreiben. Somit hatte es auch keinen Erfolg, als wir ihnen unseren Vertrag gezeigt haben, der das Terrain als das unsere ausgezeichnet hat. "Über zehn Jahre schon benutzen wir es, es ist also unseres!" beharren sie weiterhin. Gesagt und gleich noch ein Schloss ans Tor angebracht! Schließlich musste die Vermieterin anrücken. Auch dieser hielten die Giftzwerge hartnäckig stand, wollten Geld für die Pflanzen, die sie illegalerweise auf dem Terrain angebaut hatten und einen aus Müllbrettern gebauten Unterstand an die Besitzerin verkaufen. Die konnte so viel Unverfrorenheit überhaupt nicht ab und gab den Terroni eine letzte Frist: bis Mitte Oktober haben sie den Garten zu räumen, und sollte dies nicht der Fall sein, würde sie ganz persönlich das Schloss entfernen und die Dreistheit mit einer Anzeige bestrafen. Oha, das gefiel ihnen aber gar nicht. Was ihr denn einfiele, ihnen IHR Land wegzunehmen...
Seitdem herrscht Funkstille zwischen den Terroni und den üblichen Nachbarn hier. Unser Ärger über das besetzte Terrain wurde mit einer Mietkürzung ausgeglichen und meine persönliche Wut über mehrere Monate ohne Zutritt auf das Gelände mäßige ich, indem ich mir wieder vor Augen führe, dass bei all der anderen Arbeit wir bislang wirklich keine Zeit gehabt hätten den großen Garten anzulegen, zu bewirtschaften oder zu nutzen. Als Zwischenschritt ist eine verminderte Miete doch sogar noch besser als für etwas zu zahlen, für das man sowieso noch keine Zeit gehabt hätte...



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