Saturday, September 20, 2014

Das Steuer in der Hand...

Völlig unerwartet hatte ich also auf einmal die Kontrolle über das Haus und den Alltag zurück! Ich konnte es so schnell gar nicht fassen, aber mich packte ziemlich bald diese gewisse Unruhe, die immer dann erscheint, wenn sich der Möglichkeitenradius auf einmal stark vergrößert. Und das tat es gerade. Du meine Güte, ich war wieder Padrona im Haus - das musste gefeiert werden. Als erstes mampfte ich ein ziemlich großes Reststück Tiramisu aus dem Kühlschrank. Dann ein Glas Spumante hinterher, was mir fast frevelhaft vorkam, wenn man bedenkt, was der Auslöser für meine spontane Herrschaft gewesen war. Nichtsdestotrotz, ich fühlte mich wie eine Befreite, die man aus dem tristen Alltagskerker ohne Handlungsspielraum geholt hatte. Ich würde das Haus von Grund auf umkrempeln! Oder - naja - zumindest mal wieder Einfluss nehmen. Mit der Küche sollte begonnen werden, denn hier war am meisten Schindluder betrieben worden. In einer wahren Arbeitswut fing ich an sämtliches Geschirr aus den Schränken zu kramen und per Hand zu spülen. Das war auch dringend nötig gewesen, denn die Schwiegereltern hatten es beim Abwasch nicht so genau genommen und auch Geschirr mit Schmutzresten als sauber in die Schränke gestellt. Ganz abgesehen vom allgemeinen Chaos! Ich hatte ja schon beschrieben, wie konzeptlos die Stell- und Lagerflächen der Küche genutzt werden und eben diese Situation würde ich jetzt umkehren können. Zirka drei Stunden lang sortierte ich Müll, spülte ab und füllte aufgerissene Vorräte in saubere Dosen. Ich fand Schimmel in zwei Schränken, putzte und desinfizierte alles von innen wie außen, warf weg und packte um und war dann derart von einem Putzwahn besessen, dass ich gleich auch noch den Honig im Dampfbad erhitzte und sämtliche Bambusschneidebretter mit Öl einrieb. Als meine bessere Hälfte zum Abendessen zurück kam, hatte ich nicht nur große Stapel an sauberem Geschirr im Wohnzimmer zwischengelagert, sondern nebenbei auch noch Abendessen gekocht und zwar aus frischen Zutaten. "Hast du das gemacht oder ist das von meiner Mutter?" fragte er beim Blick auf die Gemüsepfanne und das Geschnetzelte. "Ich war das!" - "Wow!" Ja, so kann es gehen, wenn man drei Monate lang nicht mehr hat kochen dürfen - es wird leicht vergessen, dass man es doch mal gekonnt hat. Auch wenn ich zugeben muss, dass ich anfangs etwas ratlos vor der leeren Pfanne gestanden hatte und mich erstmal wieder erinnern musste, wie das alles nochmal ging. "Ja, so könnte es immer sein, wenn deine Eltern endlich mal ausziehen würden..." fügte ich noch in Gedanken hinzu, aber ich wollte den Triumpf des Moments nicht durch Offenlegung meiner Taktik vermiesen. Stattdessen warf ich mich nach dem Essen gleich wieder ins Getümmel in der Küche. "Du meine Güte, wenn du mal in einem Ordnungswahn drin bist, kann dich auch keiner mehr stoppen." bemerkte meine bessere Hälfte anerkennend. Das war DIE Gelegenheit für mich, mal nebenbei zu erwähnen wie viele abgelaufene Lebensmittel ich gefunden hatte, wie viel verfaultes Gemüse und nicht zu vergessen den Schimmel in zwei Schränken zusätzlich zum schmutzigen Geschirr...und dem Chaos überall. "Naja, du kannst hier nicht von deutscher Ordnung ausgehen, das hier ist Italien!" Okay, wie reagierte ich jetzt am besten darauf: immerhin war ich nicht SO deutsch, dass ich mit einem Putzfimmel gesegnet war, noch war es so, dass alle italienischen Haushalte dem Messietum anheim gefallen waren. Nein, es lag rein und ausschließlich an seinen Eltern, die diese Chaoten waren. Harte Sache, konnte ich so nicht bringen. Ich würde Taten sprechen lassen und hier mal beweisen, was ich - deutsch oder nicht - unter einem vorzeigbaren Haushalt so verstand. Zwei ganze Tage standen mir immerhin zur Verfügung und die würde ich nutzen - komme was wolle...


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