Monday, August 11, 2014

Projektinterview "Heimat"

(Copyright: Sandra Becht)

SB: "Frage 1: Was genau ist für dich 'Heimat'?"

Ehrlich gesagt, ich kann noch nicht wirklich definieren, was Heimat für mich ist, da bin ich noch mitten drin im Prozess. Wenn noch die Herkunft hineinspielt und dann die emotionale Bindung an einen Ort, wie die Definition seit den Grimms lautet, und dann noch der Begriff Zuhause davon abzuspalten ist, lande ich immer in einem Wust an emotionalen Sichtweisen, die ich kaum noch entzerren kann, stehe dann vor dem Chaos und kann grad nochmal von vorne anfangen. Dann ist es auch immer entscheidend, ob man viel in der Welt herumgekommen ist oder ob man womöglich länger an verschiedenen Orten gelebt hat oder ob man die Scholle nie verlassen hat. Allein in Deutschland kommen meine Eltern aus ganz verschiedenen Regionen und sehen diese jeweils als Heimat an. Und weil ich an jenen Orten auch oft gewesen bin, ist ein kleines Stück Heimat auch für mich da zu finden und gleichzeitig habe ich das Gefühl, aber auch nie wirklich dazuzugehören. Es ist mehr so das Vertraute, das einen da anzieht, als das Gefühl ein Teil von den Regionen zu sein. Das Vertraute ist im Übrigen auch in meiner eigenen Heimatstadt (da haben wir den Begriff schon wieder!) eher die Bindung an den Ort als dass ich das Gefühl hätte dort hinzugehören. Ist das dann schon Heimat oder eher nicht? Ich habe auch in London eine Zeit lang gelebt und mich da sehr zu Hause gefühlt. In der Stadt wurden mehr Aspekte von mir denn je angesprochen, aber von London als Heimat zu sprechen, das geht irgendwie auch nicht. Jetzt noch die zwei italienischen Städte, in denen ich seitdem gelebt habe und das Chaos ist perfekt. Nein, ich glaube Heimat ist für mich eine sehr konfuse, emotionale Angelegenheit, die ich nicht genau orten kann.

SB: "Frage 2: Bist du mehr der Heimweh- oder der Fernwehtypus?"

Müsste ich mich um jeden Preis festlegen, würde ich sagen der Fernwehtyp. Wobei der Einwand wäre, was genau Heimweh und was genau Fernweh ausmacht. Sehnt man sich beim Fernweh nach dem Neuen und Anderen oder kann es nicht auch sein, dass man sich unverstanden fühlt und in der Ferne da hofft, sagen wir mal, auf mehr Verständnis zu stoßen oder auf Personen, die einem ähnlicher sind als die Personen in der "Heimat". Dann müsste man es vielleicht sogar Heimweh nennen, nämlich Sehnsucht nach etwas, das einem ähnlich ist, auch wenn man es in der Ferne findet.

SB: "Frage 3: Siehst du dich als typisch deutsch?"

Nein, das bin ich sicher nicht. Aber sicherlich würden die Italiener in meiner Umgebung mehr Merkmale nennen können, die sie als typisch deutsch ansehen, als ich selbst. Und gleichzeitig ist man ja auch immer im Wandel. Man hat auch mal Phasen, in denen man sich "deutscher" fühlt als sonst, oft wenn man auf Verhaltensweisen trifft, die für einen typisch italienisch oder typisch französisch oder was auch immer sind. Das können dann Verhaltensweisen sein, die man bewundert oder ablehnt, zB bin ich grundsätzlich pünktlich, was andere als typisch deutsch einschätzen würden, was für mich selbst aber einfach eine Frage von Respekt ist. Das wäre dann ein positives Beispiel. Negativ wäre vielleicht, dass ebenfalls typisch deutsch sein soll, dass man insgesamt auf Italiener zurückhaltend und vielleicht verschlossen wirkt, weil man weniger lebendig ist, weniger nach außen lebt. Das wäre beispielsweise eine deutsche Eigenart, die ich eher negativ finde, weil die Leute schnell meinen, man hätte irgendwas oder wäre beleidigt oder man würde sie nicht mögen. Oder noch schlimmer: man sei unfreundlich. Ich habe aber auch diverse Seiten an mir, die recht "undeutsch" sind.

SB: "Frage 4: Wo lebst du am liebsten?"

Der heutige Stand wäre, dass ich es fast egal finde, wo man lebt. Das gilt für mich und ist natürlich etwas plakativ, aber ebensowenig wie ich eine Heimat definitiv orten kann, ebensowenig kann ich DEN Ort benennen, wo ich am liebsten wohnen würde. Ich glaube, auch nach den vorherigen Fragen, dass ich gleich an mehrere Orte gehöre und gleichzeitig nirgendwohin. Es gibt nicht DEN Ort, der mir in seiner Gänze entspricht, ich sehe mich aber auch nicht als Nomade. Ich glaub eher, dass meine Heimat zusammengesetzt an verschiedenen festen Orten ist und dass ich immer zwischen diesen Orten pendeln muss und will. Das wäre mein Ideal. Wie viele Orte dazugehören, könnte ich noch gar nicht sagen, aber da fänden sich auf jeden Fall deutsche Orte, englische, italienische und französische. Durchaus auch Orte in Übersee, nur dass ich dazu nicht viel sagen kann, weil ich noch nie in Übersee gewesen bin. Solange diese Konstellation noch nicht gefunden ist, finde ich es tatsächlich beinahe egal, an welchem dieser Orte ich tatsächlich lebe, denn irgendetwas fehlt immer.

SB: "Frage 5: Also ein Zuhause an jedem Zipfel der Welt?"

Das müsste gar nicht sein. Ich fände es glaube ich sinnvoller, die Orte mit verschiedenen Funktionen auszustatten. Beispielsweise an einem Ort offiziell zu wohnen, an einem anderen Ort typischerweise Urlaub verbringen, an einem dritten und vierten regelmäßig zu arbeiten, so dass man auch emotional nicht durcheinander kommt. Ich bin jedenfalls kein Auswanderer vom Typ "auf immer und ewig" und ebensowenig "hier bleibe ich jetzt". Dafür verändert man sich selbst immer zu sehr und ebenso verändert sich die Welt und die Umstände, die politische Lage zB. Und dafür wäre mir eine solche Haltung auch einfach zu einseitig, fast so als hätte man die Scholle nie verlassen.


Das Interview führte Sandra Becht.




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