Friday, August 1, 2014

Projektinterview "Decisioni" I

(Copyright: Chiara Mazzini)

CM: Gleich zu Beginn stelle ich fest, dass sich bei dir im Blog nach einigen - um's mal so zu nennen -  "Durstwochen" wieder einiges getan hat. Aber da tummeln sich ja nicht nur Berichte aus einem Privatleben in Italien, sondern auch davon abgesondert kulturelle Berichterstattungen, Appelle verschiedener Art, ein monatlicher Austausch mit Lesern, ein Schaufenster für vermarktete Produkte, für Schreibprojekte etc. etc. Als was siehst du dich eigentlich, als Bloggerin, Ausgewanderte, Autorin, Designerin oder Künstlerin, Journalistin oder, was du ja ursprünglich vom Beruf her bist, Lehrerin?

Ich würde dem ganzen eigentlich keinen Namen geben, denn es trifft gleichzeitig alles und nichts zu. Einiges wäre mir auch eine Nummer zu hoch, ich würde niemals behaupten ich sei Designerin, ich entwerfe nur Prints und das nur nebenher. Und Journalistin trifft es auch nicht, ich berichte nur hin und wieder über Themen, die mit mir zu tun haben. "Künstlerin" wär's ja (lacht) - aber das erschiene mir aktuell auch etwas zu vermessen. "Lehrerin", den Schuh könnte ich mir tatsächlich anziehen, aber das will ich nicht. Ich mag das Image einfach nicht. (lacht) Ich sage immer, ich bin hauptberuflich Privatmensch. Alles was ich poste ist irgendwie ein Ausdruck dessen, was ich gerne tue oder was mir wichtig ist; das sind alles Facetten. Aber ich könnte und würde mich nicht auf eine einzige reduzieren wollen oder mir anmaßen, dass ich eine dieser Facetten wirklich angemessen ausfüllen würde.

CM: Das hört sich entspannt an! Gibt es Facetten, die wichtiger sind als andere? Oder gehört es für dich dazu, dass alles gleichmäßig vertreten ist?

Es sind immer Phasen. Es ist alles wellenförmig. Ich kann nicht an allen Projekten gleichzeitig arbeiten, zumindest nicht mit gleicher Aufmerksamkeit. Das Schöne daran ist ja, dass man auch mal Lust und Laune folgen kann. Wenn die Luft raus ist bei einem Projekt, dann kümmere ich mich erstmal wieder um ein anderes. So kann auch Saatgut bei neuen Projekten in Ruhe aufgehen. Es läuft auch nicht immer alles. Manchmal ist einfach der Wurm drin bei etwas, oder aber ich habe keine vernünftigen Ideen zu einer Sache und dann lasse ich sie erstmal links liegen, bis es mich wieder packt oder bis ich gezwungen bin damit weiterzumachen.

CM: Und was lässt du aktuell links liegen?

(überlegt) Gerade geht mir das Unterrichten ziemlich auf die Nerven. Da muss zuviel abgesprochen und koordiniert werden, ich habe das Gefühl dabei unendlich viel Zeit zu verlieren. Deswegen kümmere ich mich gerade lieber um Projekte, an denen ich alleine arbeiten kann und wo ich nicht laufend auf andere warten muss.

CM: Die Prints beispielsweise?

Richtig, die lagen immerhin fast von März bis Juni auf Eis. Da war bei mir nichts mit Kreativität zu wollen. Dafür sprudel ich gerade über vor neuen Ideen - die Pause hat sich also gelohnt. Ich könnte da gerade Tag und Nacht dran sitzen und komme kaum hinterher.

CM: Ja, das fällt im Blog richtig auf. Aber auch der Punkt mit den Appellen fällt meiner Meinung nach ins Auge. Ich nenne es jetzt mal Appelle, ich meine damit alles, was mit Aufklärungsarbeit und Meinungsäußerung zu tun hat. Du scheust dich nicht davor Standpunkte zu vertreten. Siehst du dich als politische Person?

(überlegt) Das ist schwer zu sagen. Politisch ist vielleicht nicht ganz das richtige Wort. Ich bin kein politischer Experte; ganz im Gegenteil. Aber es ist wahr - wenn ich zu einem Thema eine feste Meinung habe, dann ist es mir hin und wieder ein Bedürfnis etwas dazu zu sagen.

CM: Du machst zumindest keinen Hehl daraus, dass du Movimento Cinque Stelle wählen würdest, wenn du in Italien das Wahlrecht hättest.

Das ist richtig.

CM: Welche Bedeutung hat dies für deutsche Leser? Wenn ich das richtig gesehen habe, sind rund 70% der Leser aus dem deutschsprachigen Raum, oder?

Ja, das stimmt. Mir ist es wichtig, dass deutsche Leser angeregt werden sich zu informieren. Was ich in der deutschen Presse zum Thema gehört habe, war fast ausschließlich Bildzeitungsniveau und ebenso argumentiert wird dann auch in der Bevölkerung. Keiner da weiß überhaupt was zum Thema, hat aber schon eine vorgefertigte Meinung, die sich auf Berichte der Presse stützt, die im Großen und Ganzen übersetzte Berichte der "eingekauften" italienischen Presse sind. Salopp gesagt wird da Propaganda betrieben und die Partei damit ins Lächerliche gezogen. Dabei sind die Wahlergebnisse in Italien eindeutig. Das ist keine Randgruppe, die mit der 5%-Hürde kämpft, sondern eine Bewegung, die vor einem Jahr die meisten Stimmen für sich entscheiden konnte. Würden sie sich nicht weigern mit anderen Parteien zu koalieren, wären sie längst an der Macht. Mich ärgert da enorm, wie da Vergleiche mit der fiktiven Horst-Schlämmer-Partei gezogen werden. Zumal es in Italien um alles oder nichts geht; das ist kein Spiel!

CM: Da sprichst du ein großes Problem an, Stichwort Pressefreiheit und was hinter den Meldungen der Zeitungen wirklich steht. Aber deutsche Leser wissen vermutlich nicht, dass einige große Parteien die Mainstream-Zeitungen einkaufen und glauben dann ungefiltert, was die deutschen Medien über Italien berichten.

Genau deswegen ist es mir so wichtig darüber zu informieren. Ich weiß, dass ich nicht zum Umdenken bewegen kann - was mir aktuell wichtig wäre, ist dass sich der eine oder andere vielleicht überlegt, ob man alles glauben kann, was die Medien über andere Länder berichten. Und dass sich der eine oder andere vielleicht die Mühe macht mal selbst nach Informationen zu suchen. Gerade was die Inhalte von M5S angeht oder was sie bislang erreicht haben, zB die Rückgabe der staatlichen Wahlkampffinanzierung in zweistelliger Millionenhöhe, 42 Millionen waren es im Frühling, um genau zu sein. Es ist heutzutage so einfach an Informationen zu kommen - wenn man will - aber noch einfacher ist es natürlich einfach nachzuplappern, was Unbeteiligte zu dem Thema gesagt haben. Noch dazu Personen, die mit dem Thema gar nichts zu schaffen haben. So einen Murks habe ich in Deutschland bislang an jeder Straßenecke gehört; das macht mich echt wütend.

CM: Glaubst du, dass M5S es mit den kommenden Wahlen an die Macht schaffen werden?

Ich kann es nur hoffen! Aber da steckt man nicht drin. Weder was möglichen Wahlbetrug angeht noch was die Bevölkerung angeht. Was im Übrigen meiner Meinung nach nicht typisch ist für Italien, sondern länderübergreifend. Zu viele finden sich überall einfach mit den Umständen ab, seien es absurde Steuern oder Arbeitslosigkeit. Solange es irgendwie noch läuft - und die Betonung ist hier auf "irgendwie" - solange zieht es die Masse vor einfach gar nichts zu tun.

CM: Traurig, aber wahr. Das hört sich alles in allem aber doch wieder nach einem politischen Menschen an. Du möchtest schon etwas politisch bewegen...

Was die Situation in Italien angeht, ja. In Deutschland hingegen habe ich keine großartige politische Meinung. Vielleicht weil ich keine Partei dort kenne, die mich überzeugt. Also wirklich gar keine! Was schade ist, denn dort kann ich wählen...

CM: Glaubst du, dass ein Machtwechsel dieser Art Italien retten könnte?

Das weiß ich natürlich nicht, aber es wäre einen Versuch wert! Schlimmer kann es nicht mehr werden. Heuchlerischer auch nicht mehr! Ich würde sehr gerne sehen, was passieren würde. Und wenn ich mich festlegen müsste, würde ich klar sagen, dass es meines Erachtens die einzige Möglichkeit für das Land wäre, aus dem Schlamassel wieder hinaus zu kriechen. Ich hoffe wird werden es erleben!

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