Tuesday, August 26, 2014

Projektinterview "Autodidakten" II

(Fortsetzung)

GH: "Um welche Themenbereiche handelte es sich dabei?"

Das waren sportliche Bereiche, völlig unangeleitete Kurse zum Thema Pilates und Tai Chi. Hohe Kosten, aber die Teilnehmer waren völlig auf sich alleine gestellt. Bei letzterem Kurs kam kein Teilnehmer mit, weil nicht erklärt wurde, was in jedem Schritt getan wird und der Raum so voll war, dass man den Coach nicht einmal sehen konnte. Bei Pilates hingegen kommt es auf kleine Details an, um es richtig zu machen. Nicht umsonst gibt es oft Personal Trainer, die die Ausführungen konstant beobachten und korrigieren und sich deswegen nur auf einen einzigen Kunden konzentrieren. Oder von mir aus auch eine kleine Handvoll, aber das bedeutet dennoch intensive Hilfestellung. Hingegen blieb mein Trainer einfach vorne und gab sich nicht einmal die Mühe überhaupt ein Auge auf die Schüler zu werfen. Ich bin noch einigermaßen sportlich, war aber dennoch der Meinung es nicht richtig zu machen. Andere Teilnehmer kamen nicht mal ansatzweise an die Ausführung heran, die es hätte werden sollen. Das ist doch dann die Aufgabe des Trainers hier einzugreifen, sonst schadet sich der Einzelne mehr als dass ihm diese Sportart etwas bringt.

GH: "Du hast diese Sportarten dir dann auch selbst beigebracht?"

Nein, ich habe sie aufgegeben. Das sind zwei Beispiele für Bereiche, in denen es ohne Trainer nicht geht. Aber es muss dann eben auch ein kompetenter Trainer sein, der auch wirklich weiß, was er da tut und auch weiß, was genau seine Aufgabe ist. Wozu sonst bezahlt man einen Trainer. Dann lieber Sportarten, die man schon kennt und bei denen man keine Anleitung mehr braucht.

GH: "Beispielsweise Training an Geräten?"

Ich persönlich ziehe Sport ohne jegliche Hilfsmittel vor, also Bewegung draußen, körperliche Aktivitäten jeglicher Art und für daheim Übungen auf der Matte. Kann man immer mal zwischendurch machen und ist sogar noch absolut kostenlos. Ich war auch schon in Fitnessstudios angemeldet, aber die hatten keinen Effekt, der die monatliche Ausgabe von 60€ gerechtfertigt hätte. Seitdem ich nur noch alleine trainiere, bin ich wesentlich besser in Form. Ich glaube, dass einem gesellschaftlich auch oft schlichtweg suggeriert wird, dass man diese Dinge im Alleingang gar nicht schaffen kann, dass man teure Ausrüstungen und Mitgliedschaften braucht. Dabei sollte sich wirklich jeder zunächst mal darauf besinnen, was er alles selbst erreichen kann.

GH: "Die Gesellschaft gibt zu viel auf die Hilfe von außen?"

Ich denke schon. Der Mensch ist zu abhängig. Er könnte viel autarker sein, wenn er sich einfach auf seine eigenen Kräfte besinnen würde. Das geht schon bei Fertignahrung los - es gibt doch schon Personen, die nicht einmal wissen, wie man Kartoffeln kocht - dabei ist Wissen heutzutage doch einfacher denn je zu erlangen. Man muss sich nur die Mühe machen danach zu suchen.

GH: "Internet und Co machen es in der Tat möglich. Welche Kenntnisse oder Fertigkeiten hast du dir in letzter Zeit selbst beigebracht?"

Ach, da sitze ich an vielen Projekten gleichzeitig: ich sehe zu, dass ich mein Englischlevel halte, lerne Italienisch, Französisch und Niederländisch -

GH: "Wie geht das ganz ohne Lehrer?"

Eigentlich sehr gut. Ich arbeite mit vielen YouTube-Videos, habe aber auch Bücher, zB Selbstlerngrammatiken und andere Materialien. Von Italienisch bin ich ja im Alltag umgeben, es würde für mich keinen Sinn machen dafür einen Kurs zu belegen. Ich brauche nur die Schlafzimmertür öffnen und kann sofort mit den Schwiegereltern reden, ich muss nur den Fernseher anstellen und höre sofort zahlreiche Muttersprachler, um nur zwei Beispiele zu nennen. Und die Grammatik erarbeite ich mir dann im stillen Kämmerlein.

GH: "Und Französisch und Niederländisch? Kommt man bei so vielen Sprachen parallel nicht durcheinander?

Wenn ich sie direkt am selben Tag übe, kann das schon vorkommen. Neulich sprach mich meine Schwiegermutter auf Französisch an, das hat mich so irritiert, dass ich kein Wort antworten konnte.

GH: "Hast du die beiden Sprachen auch mal mit einem Lehrer versucht?"

Ja, vor einigen Jahren und beide Erfahrungen waren so negativ, dass ich an beiden Sprachen völlig die Lust verloren hatte.

GH: "Was haben die Lehrer dazu beigetragen?"

Die Niederländischlehrerin war lediglich Muttersprachlerin, hatte aber vom Unterrichten keine Ahnung. Ich glaube, eigentlich arbeitete sie als Maklerin. Da fehlte es leider an grundsätzlichem didaktischen und methodischen Wissen, auch zwischenmenschlich lief es nicht gut. Dem Kurs liefen innerhalb von drei Wochen über die Hälfte der Schüler weg. Ich habe auch nicht bis zum Ende durchgehalten und noch schlimmer: leider habe ich auch rein gar nicht gelernt dabei. Durch das Selbststudium bin ich jetzt fast auf einem Level von B1.
Der Französischlehrer war leider noch schlimmer. Die meiste Zeit des Seminars verbrachte er damit Anekdoten auf Deutsch zu erzählen. Er gab sogar zu nicht vorbereitet zu sein - das fand er wohl besonder locker - und hatte für den Unterricht auch keinerlei Struktur. Fragen hat er grundsätzlich nicht beantworten wollen, auch wenn einige Schüler völlig frustriert waren. Dann wollte er mir sogar ziemlich von oben herab weismachen, dass man heutzutage im Sprachunterricht eigentlich erstmal gar nicht schreiben würde, dass man ausschließlich sprechen würde. Völliger Nonsense, das, was er meinte, hat man vor gut 30 Jahren mal getestet, von "heutzutage" hatte der gute Mann leider überhaupt keine Ahnung. Nicht mal die Tatsache, dass es verschiedene Lerntypen gibt, wollte er anerkennen. Keine Vorbereitung, keine Struktur, verschwätzte 90 Minuten und noch blöde Sprüche - ich habe den Kurs nach fünf Wochen verlassen und mich geärgert, dass ich über 100€ dafür ausgegeben habe. Seitdem lerne ich auch Französisch alleine.

GH: "Da tut es einem um all das Geld in der Tat leid. Welche Bereiche bringst du dir außer den Sprachen noch selbst bei?"

Kochen und Backen beispielsweise. Dazu gibt es auch viele Kurse im Angebot, aber ich denke, sofern man nicht völlig talentfrei ist in dem Bereich, kann man über weite Strecken völlig ausreichend mit Büchern und Internettipps auskommen. Wenn man dann noch irgendwann die ganz hohe Kunst der Patisserie oder was auch immer erlernen will, kann man sich immer noch nach einem Lehrer umsehen.
Und ich erarbeite mir diverse journalistische Kenntnisse, Schreiben zu verschiedenen Zwecken, Recherche, freies Sprechen, Interviewführung, auch kreatives Schreiben, Coaching, Lebensführung, Übersetzung, Renovierung, Tierhaltung, Anbau von Pflanzen, Selbstversorgung, Geschichte, Philosophie...

GH: "Beachtliche Sammlung. Da ist für die nächsten Jahre ja ausreichend für Beschäftigung gesorgt."

Das ist allerdings wahr.

GH: "Dafür weiterhin alles erdenklich Gute und vielen Dank für das Interview."


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