Thursday, August 28, 2014

Der Umzug – Zusammenleben VII

Aus diesem allgemeinen Chaos, den vielen Streitigkeiten, Territoriumskriegen und sonstigen Problemen in einen Alltag überleiten? Geht das überhaupt? Lange Zeit war an Alltag überhaupt nicht zu denken. Den Alltag hatten wir in der Toskana gehabt, einen klar definierten Tagesablauf, feste Aufgaben und Unternehmungen, feste Pflichten. Seit dem Umzug regiert die eigenwillige Strukturlosigkeit. Deutsch wie ich bin, hätte ich ja gedacht, wir würden uns hinsetzen und klar notieren, wie der WG-Haushalt in dieser Übergangsphase nun organisiert werden würde. Weit gefehlt! Jeder machte, was ihm gerade in den Sinn kam. Ob eigenmächtig renoviert wurde, eingerichtet, gekocht oder eingekauft. Oder gewaschen. Wir hatten nach dieser vierwöchigen Umzugsphase die beachtliche Schmutzwäschensammlung von über zehn 110L-Säcken im Badezimmer aufeinander gestapelt. Das waren Dutzende von Waschmaschinenladungen und jeder versuchte so viele davon wie möglich nach seinen eigenen Vorstellungen zu erledigen. Mir gefiel nicht, dass die Schwiegermutter jegliche Materialien mit demselben Waschpulver wusch, und ihr gefiel nicht, dass ich Kochwäsche auf 60 Grad stellte. Nein, das wäre viel zu heiß! Nein, war es nicht. Hatte sie überhaupt die Flecken gesehen, die teilweise noch in der Wäsche waren, die sie draußen auf die Leinen hängte?! Apropos Leine: „Weißt du, was wir hier dringend machen müssen? Eine Wäscheleine zwischen die beiden Schlafzimmerfenster hängen! Für die Bettlaken!“ Eine stereotype italienische Wäscheleine von Fenster zu Fenster?? Nein, nein und nochmals nein! Nur über meine Leiche! Und wenn wir die Laken im Haus trocknen müssten, es käme keine Leine an diese Hauswand, solange ich es nicht verhindern konnte! Nun, ich konnte es verhindern, soviel sei gesagt, aber es war auch einer meiner eher wenigen Erfolge im aktuellen Territoriumskrieg.

Noch am ersten Tag wurde ich mit dem Auto zum Einkaufen geschickt, Schwiegermutter im Gepäck. In unserem alten Leben hatten wir daheim eine Einkaufsliste angefertigt und jeden Sonntag einen Großeinkauf gestartet. Wir hatten immer ausreichend Vorräte im Haus, dass zu jeder Zeit etwas zubereitet werden konnte, gleichzeitig auch nie so viel, dass etwas vergammelt wäre. Wir wussten immer, was noch da war, kauften ausschließlich unsere Lieblingsprodukte, günstig, meist vegetarisch, aber qualitativ hochwertig. Was soll ich sagen, damit war jetzt Schluss. Meine Schwiegermutter ernannte sich selbst zur neuen Leiterin des Einkaufs. Sie wollte sämtliche Lebensmittel bezahlen und dann auch das Kochen komplett übernehmen. In den ersten beiden Tagen gab sie alleine über 150€ im Supermarkt aus, darunter Fleischberge für über 30€ („Ich hatte so ein nettes Gespräch mit der Verkäuferin an der Theke! Alles 1A Qualität! Schau dir bloß diese Steaks hier an…“)und binnen fünf Tage war alles aufgebraucht. Seitdem geht es etwa jeden dritten Tag zum Supermarkt. Brot wollen die Schwiegereltern grundsätzlich jeden Tag frisch, was übrig bleibt lassen sie einfach trocken werden (deswegen brauchen sie auch keinen Brotkasten!) und wehe es ist kein üppiger Weinvorrat mehr da, das sei so eine Art Grundrecht. Der Kühlschrank quillt grundsätzlich über, in der Hauptsache aber, weil er so unglaublich schlecht befüllt wird. Da schimmelt ungesehen in der Ecke ein Gemüse vor sich hin, der Parmesan liegt in einer Milchlache. Bald gab ich den Kühlschrank einfach auf. Im Supermarkt werfe ich hin und wieder einen sehnsüchtigen Blick auf Produkte, die wir früher immer gekauft haben, damals als wir noch selbst Herr über unseren Alltag waren. Aber immerhin sparten wir uns jetzt die Ausgaben für Lebensmittel, nicht wahr? Aber nein, das äußerst verschwenderische Verhalten der Schwiegermutter im Supermarkt trotz meiner anfänglichen Einwände („Aber hast du überhaupt ausreichend Geld für all das dabei?!“ – „Ma chi se ne frega!“) führte dazu, dass ihr Geld nach nur zehn Tagen vollständig aufgebraucht war. Seitdem darf meine bessere Hälfte für alles zahlen. Und der freut sich vielleicht…



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