Friday, August 22, 2014

Der Umzug - Zusammenleben III

Als der erste Tag mit Schwiegereltern zu Ende ging, war ich mindestens um ein Jahr gealtert. Ein völlig altersungemäßer Heulkrampf stand im Widerspruch dazu und so empfing ich meine bessere Hälfte am Abend nach der Arbeit. Wir gingen mit Ludwig auf eine längere Gassitour, während derer ich hemmungslos weiter schluchzte. Das war ja alles so schlimm, wie konnten wir auch nur eine Woche unter diesen Umständen hier leben. Was hatte uns bloß geritten, was hatte uns bloß…aber das Gespräch lenkte mich aus der Verzweiflungsspirale hinaus und auf einen neuen Weg der Hoffnung. Das hier war nicht für immer und das hier bedeutete, dass wir Hilfe im Haushalt hätten, dass wir viel Geld sparen würden und dass wir jederzeit einen kostenlosen Babysitter für Ludwig hätten. Ich sollte also auch mal an die Vorteile denken und die Gunst der Stunde nutzen, um mich voll und ganz auf meine Projekte zu stürzen. So ganz wollte mich das nicht überzeugen. Aber dann gab's doch noch eine Art Sahnehäubchen, so völlig aus dem Nichts: „Was hältst du davon,“ meinte meine bessere Hälfte, „wenn wir den Hund nach Hause bringen, die Helme nehmen und eine Spritztour auf dem Motorrad machen? Wir könnten schauen, wie der Ort hier hinter der Kurve aussieht und vielleicht irgendwo was trinken.“ Oooooh, ja, das faszinierte mich. Ich hatte noch nie auf einem Motorrad gesessen, geschweige denn eine Spritztour damit gemacht. Und den Ort kannten wir ebenfalls noch nicht. Wir würden zum ersten Mal seit Monaten wieder etwas abends unternehmen. Und zwar ganz allein. Gesagt, getan. So kamen wir zu unserer ersten abendlichen Motorradtour, auf der wir das noch unbekannte, aber idyllische Ortszentrum mit Piazza und Kirche erkundeten und wir entdeckten gleich unsere neue Stammbar, in der jeder sehr freundlich war und in der wir uns einen Sambuca zu einem Spottpreis genehmigten. Auch dieses Getränk war für mich völlig neu – wie hatte so etwas Süffiges bloß bislang an mir vorbeigehen können?! Auf dem Rückweg einen anderen Weg genommen und auch noch entferntere Bereiche des Ortes erkundet; lauter Stradine, auf denen kein Auto passieren konnte, enge Winkel und holprige Gassen. Nächtliches Lichtermeer und Fledermäuse in der Luft. Wir hatten ja keine Ahnung gehabt wie viele Gesichter unsere neue Heimat hatte und zugegeben, auf dem Motorrad war alles viel leichter zu erreichen. Wer hätte gedacht, dass die simple Anschaffung eines Zweirades eine ganze Serie an sehr italienischen Aktivitäten nach sich ziehen würde? So sind wir gleich am nächsten Morgen wieder in die Bar gefahren um Kaffee-to-go für alle zu besorgen. Es ist ein Kunststück hinten auf einem Motorrad sitzend mehrere volle Styroporbecher zu transportieren, ohne dass man sich von mindestens der Hälfte des Inhalts auf dem Weg verabschieden muss. Zumal der Bar die Plastikdeckel für den Verschluss ausgegangen waren. Es gab sie nicht am ersten Tag, nicht am zweiten Tag, nicht am dritten Tag, selbst nach einer Woche noch nicht. Und immer die gleiche Szene: der Barista des Tages suchte verzweifelt alle Ecken der Theke ab um dann mitzuteilen, dass leider keine Deckel mehr da seien. „Macht nichts“, sagten wir jeden Tag „Das war gestern auch schon so…“


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