Sunday, June 1, 2014

Umzug auf Italienisch VI - Wir sitzen fest

Es war 23 Uhr und wir hatten schließlich den geliehenen Transporter mit Hilfe von einem gefühlten Dutzend Cousins, Onkels und Brüder bis oben hin vollgeladen. Jetzt hieß es nach Hause fahren, den Karren parken und am nächsten Morgen dann in aller Frische gen Westen starten. Wer jetzt eine friedliche Nachtszene mit quakenden Fröschen vor Augen hat, der liegt nur leider völlig falsch. Wir befanden und nämlich im historischen Zentrum, das bedeutet: enge Gassen, unebene Bodenbeläge, Einbahnstraßen und Tausend Möglichkeiten irgendwelche Kanten, Ecken, Spitzen oder Beulen zu schrammen. Und es war nicht irgend ein Abend um 23 Uhr, sondern ein Samstagabend. Und das bedeutete, dass in diesen engen Gassen auch noch Tische der Bars aufgestellt waren und unglaubliche Massen an mehr und weniger betrunkenen Menschen durch die Gegend wankten. Hier mussten wir zu unserem Übel einmal quer durch. Erst mussten wir den LKW einmal wenden und fuhren dabei haarscharf unter Verkehrsschildern vorbei. Dann ging es meterweise durchs Gemenge. Es lief einigermaßen bis zu dem Punkt, als hinter einer Piazza die Straße mit Parkverbot auf der einen Seite weiter lief. Links standen alle in Reih und Glied, Seitenspiegel eingeklappt, tutto preciso, aber natürlich hatte irgend so ein Clown seine Karre auch auf der rechten Seite geparkt. Eine alte Schleuder, die zu guten Dreiviertel auf dem Bürgersteig stand und dennoch die Straße völlig blockierte. Zentimeterweise tasteten wir uns vorwärts und hupten dann wie wild. Natürlich kamen so immer mehr Zuschauer an und es war unklar, ob der Besitzer des Wagens sich in der Nähe aufhielt und informiert wurde oder ob alle nur gespannt warteten, wie es jetzt weitergehen würde. Bald hatte sich eine lange Schlange an Autos hinter uns gestaut. Die Fahrer der ersten von ihnen waren bald vorne versammelt und bemühten sich mit vereinten Kräften die alte Karre wegzutragen. So richtig klappte das nicht, allerdings brach bei dem Versuch eine üppige Stoßstange ab und landete scheppernd auf dem Boden. "Jetzt müsste es gehen", rief einer und zu zweit winkten sie uns als Millimeterarbeit durch den Engpass. Am Ende gab es sogar Applaus von einigen Umherstehenden. Noch durch zwei etwas knappe Stadttore, dann konnten wir ungestört unsere Fahrt fortsetzen.
Dennoch lagen die Nerven blank. Das enge Zeitfenster von Feierabend, Ausleihen des Wagens, Beladens und Umzug am nächsten Tag ergänzte sich zu Rangierproblemen, Übermüdung, Menschenmassen und Organisationsunstimmigkeiten zum ersten Nervenkrieg. Hoffentlich ging am nächsten Tag alles gut, der LKW nicht kaputt und der Inhalt heil in Genua an. Hoffentlich waren alle pünktlich, passend angezogen und arbeiteten effizient. Hoffentlich vergaßen wir die Schlüssel nicht, verloren die Papiere nicht und ebenso nicht die Nerven. Konnte ja nur schief gehen...


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