Friday, May 30, 2014

Umzug auf Italienisch IV - Logik versus Augenmaß

Das Haus war also von vorne bis hinten ausgemessen und jetzt galt es sich mit den Konsequenzen zu beschäftigen. Ich hatte ebenfalls Maß genommen was die wesentlichen  Möbelstücke anging und es dauerte eine gute Stunde, ehe alle Zimmer und alle Möbel als Modelle auf Papier entstanden waren. Dann konnte das Puzzlen beginnen. Im Wohnzimmer würde es knapp werden, aber ich fand eine ziemlich systematisch angeordnete Lösung für alle Möbel. Meiner besseren Hälfte gefiel die Lösung nicht, er fand aber noch eine zweite, die ich beide auf Fotos festhielt und mich an die anderen Räume machte. Nach dem Wohnzimmer war das einzige echte Sorgenkind das Gäste/Arbeitszimmer, das vorübergehend das Schlafzimmer der Schwiegereltern werden würde. Es war wirklich verdammt klein und so geschnitten, dass irgendwie immer irgendwo einige Zentimeter fehlten. Am Ende passte nicht mal der große Kleiderschrank hinein, denn dort wo er gestellt werden konnte, ließen sich dann die Türen nicht mehr öffnen. Mit diesem Ergebnis fuhren wir zu den Schwiegereltern. Mein Schwiegervater hatte die Situation vor Ort ja noch recht plastisch in Erinnerung, aber meine Schwiegermutter hatte bereits bei der ersten Besichtigung die Lage nicht allzu realistisch eingeschätzt und noch dazu lag diese Besichtigung nun einige Wochen zurück und war in der Erinnerung noch mal gewaltig verklärt worden. Nein, sie würde nicht glauben, dass die Wohnzimmermöbel so riesig seien wie auf meinem Plan und überhaupt würde ihr die Anordnung nicht gefallen. Und das mit ihrem Schlafzimmer, das sei nicht wahr, dass da fast nichts reinginge. Sie sei ja in dem Zimmer gewesen und hätte es gesehen und wir würden schon noch sehen, dass alles da seinen Platz finden würde, wenn man nur etwas guten Willen zeigen würde. Dann bestand sie noch darauf einen uralten Schrank fürs Bad mitzunehmen. Das Teil war ziemlich hässlich, aber das war nicht das Hauptproblem. Der Ort, an den sie es stellen wollte, war einfach zu klein. Wir reden von einer 80cm Nische und einem 110cm Schrank. Das KONNTE schlicht und ergreifend rein schon von der kalten Logik nicht passen. Natürlich würde das passen, allein vom Augenmaß her, rief sie sichtlich erregt. Welches Augenmaß, hätte ich fast geschrien; ich hatte den Mist doch ausgemessen und ihr Augenmaß hatte bereits vor Ort nicht funktioniert, geschweige denn jetzt nach mehreren Wochen. Sie stellte allen Ernstes ihre Erinnerung mit Augenmaß über meine akkuraten Berechnungen??? Ich hatte Mühe, mich zu beherrschen und hatte eine ganze Salve an wüsten Beschimpfungen innerlich bereits ausformuliert. Wie dämlich musste man sein, wenn man einfachste Berechnungen nicht einmal einsehen wollte? Meine bessere Hälfte sah, wie ich bereits die Waffen polierte und rechnete schon mit dem Schlimmsten, aber in dem Moment wurde mein Schwiegervater aktiv und brüllte aus tiefstem Herzen seine Frau an "VERFLUCHTE SCHEISSE, SIEH ES ENDLICH EIN, ES PASST NICHT! DAS HAUS IST ZU KLEIN! ICH HAB ES MIT MEINEN EIGENEN AUGEN GESEHEN UND WIR HABEN ALLES GEMESSEN! UND DICH KANN ICH SCHON LANGE NICHT MEHR ERTRAGEN!!" Oha! Da war richtig etwas losgetreten worden! Und ich musste gar nicht mehr selbst platzen. Ich hätte es gerne noch getan, aber im Grunde war jetzt alles Nötige gesagt worden und trotz gekränkter Eitelkeit wusste ich, dass ich bereits gewonnen hatte. Der handfeste Streit zwischen den Schwiegereltern führte dazu, dass mein Schwiegervater wutschnaubend das Haus verließ und meine Schwiegermutter im selben Moment türenknallend im Nebenzimmer verschwand. "Ich leg ihnen dann einfach mal den kopierten Plan ihres Zimmers hier auf den Tisch, dann können sie nach Herzenslust alles verschieben und weiterstreiten", meinte ich betont sachlich zu meiner besseren Hälfte und sonnte mich noch mehrere Stunden lang in dem Gefühl das personifizierte Brain der Gruppe zu sein und klar die Führung übernehmen müsste. Das gestaltete sich allerdings ebenfalls als schwierig, weil ich mit meinen Planungen auf eine breite Front an Widerwillen stieß. Ich wollte einen Zeitplan aufstellen und Aufgaben verteilen; alles musste systematisch angegangen werden, aber damit stand ich relativ alleine da. Ich konnte mir keinen Überblick über die Situation verschaffen, weil ich keine Informationen erhielt. Niemand konnte mir sagen, wie der Umzug vonstatten gehen würde, wer alles involviert war und was noch alles zu erledigen war. So konnte ich nicht arbeiten und genau so hab ich das dann auch formuliert. "Keine Sorge, das wird schon, lass uns mal machen!" hieß es von der breiten Front, auch wenn meine Einwände und die Hinweise auf eine sinnvolle Organisation durchaus abgenickt wurden. Sie konnten sich dann nur darunter nicht viel vorstellen und machten genauso weiter wie bisher. Sollten sie doch sehen, wo sie blieben! Wenn sie es bewusst schwer haben wollten, in Ordnung, dann würde ich mich jetzt einfach auf das Packen beschränken und schön zusehen, wie das ganze Unternehmen den Bach herunter ging...


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