Wednesday, April 30, 2014

Über die Entmystifizierung eines Zuhauses...

Packen, packen, packen, im Mai geht es Richtung Westen! Wer hätte das gedacht nach all den schönen Jahren hier und aller Arbeit und allem Geld, was in dieses Haus gesteckt worden ist. Im Januar hatte ich mich schließlich an den Gedanken gewöhnt und im April, kaum dass das neue Zuhause gefunden war, angefangen nach und nach zu packen. Bilder von den Wänden genommen und die alten Bilder, die im Haus hingen, wieder aufgehängt, die Bar abmontiert, Regale leergeräumt, die Pflanzen im Garten ausgegraben und Unkraut und hohes Gras einfach stehengelassen. Ich hätte es nicht für möglich gehalten, aber mit jedem Schritt, der getan war, kam die stete Entmystifizierung unseres Zuhauses, verschwand das Vertraute, die Ordnung, unsere persönliche Note, alles, was unser Werk gewesen war. Das Haus schien sich nach und nach alles zurückzuerobern, so wie es damals war, als wir einzogen. Sogar Farbe löst sich langsam in mehreren Räumen von den Wänden. Und an diesem Haus hatte ich so geklammert?? Nun ja, mehr an dem, was spätestens letzten Sommer daraus geworden war: unsere Oase. Der leere Tante-Emma-Laden mit all den Ideen für die Verwendung hat wieder Staub angesetzt und dann liegt da jetzt auch noch eine tote Maus im Korridor. Auf dem Dachboden, den wir ausbauen wollten, pfeift der Wind und lässt die Tür dorthin unheimlich knarren. Der idyllische Innenhof mit seiner Laube, unter der letztes Jahr Dutzende von Laternen hingen, weist nur noch kaputte, verblasste oder angebrannte Windlichter auf, der Marmortisch ist vom Winter verschmutzt und der Boden voller Dreck und Laub. Die Pflanzen müssten wieder beschnitten werden und neben dem Zitronenbaum wuchert hier das Unkraut. Es sieht beinahe wieder so rau und unbewohnt aus wie in dem Jahr, als wir eingezogen sind. Vom Garten gar nicht zu reden. Wo letztes Jahr noch eine gekärcherte, mediterrane Steintreppe zur Haustür war, haben Unkraut und Moos alles wieder überzogen. Zwischen den Kübeln der Sandeville und anderer großer Pflanzen haben sich Brennnesseln und andere wilde Pflanzen breitgemacht. Einiges ist über den Winter eingegangen, zwei Terracottakübel zersprungen. Das große Ölfass, das ich vor einem Jahr mühsam mit Kernseife wieder in einen Tontopf mit Rankpflanze verwandelt hatte, hat über den Winter wieder eine dicke, schwarze Schicht Fett gebildet. Auch die Kupferplatten an der Haustür, die ich jedes Jahr über mehrere Tage und mit unglaublichem Verbrauch von Schwämmen und Putzmittel blank gewienert hatte, sehen wieder aus wie dunkelrotes Plastik. Die Rankstäbe der Tomatenpflanzen sind teils eingeknickt, teils weggebrochen, teils von Ludwig ausgegraben und zerkaut worden. 80cm hohe Disteln stehen neben ebenso hohen Brennnesseln, zwischendrin wachsen Mohn und andere Wiesenblumen. Im Bambuswald, den wir noch letzten Sommer versucht hatten einzudämmen und kiloweise vom Laub befreit hatten, kommen jeden Tag neue, dicke Triebe aus dem Boden geschossen, die sogar das Betreten des Geländes erschweren. Einige kräftige Schlingpflanzen haben sich an den Stämmen hoch und rüber mit den Weinreben verbunden. Die hintere Gartentreppe sieht man kaum unter dem Laub und der Schicht wilder Pflanzen, die teilweise die Marmorstufen anheben. Auf der Ebene, wo der Gazebo steht, wachsen völlig unbekannte Pflanzen bis zu zwei Meter hoch! Auch die Mauer dort hat wieder Moos angesetzt. Vom Unterstand sind einige Ziegel unterm Dach abgefallen und mir scheint, als würden ihnen bald noch andere folgen. All dies sind weitere Beweise dafür wie viel Arbeit man immer und immer wieder in so ein großes Gelände stecken muss, damit es das eigene Zuhause bleibt und was daraus wird, wenn man dies nicht mehr tut. Nun, soll doch das Moos sprießen, soll die Farbe von den Wänden kommen, sollen die Ziegel von der Decke fallen, sollen die Brennnesseln dominieren und der Wind durch den Korridor pfeifen, uns kann es jetzt egal sein. Wir haben unser Bestes getan in diesem Haus und haben es nach und nach in unser eigenes und idyllisches Refugium verwandelt. Aber nun ist es Zeit das Haus wieder sich selbst zu überlassen und nachdem gestern auch noch eine Nachbarin anfing uns aus dem Nichts heraus wüst zu beschimpfen, packen wir auch noch das letzte Gefühl Zuhause in eine der vielen Kisten und machen uns auf zu einem neuen Kapitel...


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