Saturday, March 22, 2014

Erst die Arbeit III

Wir verschwanden erneut im dreidimensionalen Geflecht der Straßen Genuas. Selten habe ich eine so komplizierte Stadt erlebt, weil die durch die angrenzenden Berge und ihren über 600.000 Einwohnern auf verschiedenen Ebenen verläuft. Und alle Ecken sahen gleich aus. Und nicht sonderlich schön. Da waren wir uns im Auto einig. "Als wenn Turin besser wäre", schimpfte später meine bessere Hälfte, der Genua auch nicht sonderlich mag, aber Turin keinen Vorzug geben wollte. Ich fragte mich tendenziell weniger, ob Turin nun schöner sei oder nicht, sondern eher, was um Himmelswillen man dieser Küste angetan hatte. Immerhin gehört die ligurische zu den schönsten Italiens und nur gefühlte drei Meter hinter Genua beginnen schon die Strandabschnitte von Sanremo und Imperia, die in einer Reihe mit Nizza und Cannes genannt werden können. Also wer um Himmelswillen hatte den Bereich um Genua einfach so hoffnungslos zugebaut?!
Die Strandpromenade entlang näherten wir uns unserem nächsten Treffpunkt, einem Musikzentrum, und unserem nächsten Kooperationspartner. Ich glaubte ja nicht, dass er pünktlich wäre, aber im Gegenteil! Er war bereits zehn Minuten vor uns eingetroffen und unterhielt sich angeregt mit meiner besseren Hälfte. Und das mit 39 Grad Fieber! So etwas ist Professionalität. Es fing gut an mit uns. Wir zogen uns in ein benachbartes Restaurant zurück, aßen Panini mit Parmaschinken und Mozzarella, von dem ich kaum etwas herunter bekam und besprachen inmitten der Genovesen beim Mittagessen unsere Projekte. Ich weiß nicht woran es liegt, aber ich kann bei solchen Treffen einfach nichts essen. Mit Mühe beiße ich ein- oder zweimal ab, der Rest bleibt auf dem Teller. Ich bewundere ja Menschen, die ihre Aufmerksamkeit gleichzeitig auf Gespräche und Essen legen können, aber wenn ich arbeite, dann arbeite ich und dann kann ich nicht essen. Und mit vollem Mund kann ich nicht sprechen und die Mahlzeit ist mir im Weg, wenn ich mich auf das Gespräch konzentriere. Während die anderen also aßen und sprachen, wickelte ich unauffällig das wirklich leckere Panino in eine Serviette und ließ es in meiner Tasche verschwinden. Für später, wenn ich dann Hunger bekam. "Schmeckt's nicht?", fragte mein Agent. "Willst du dir was anderes bestellen?" Nein, ich wollte mich einfach nur auf die Projekte besinnen und so reichten wir Powerpointpräsentationen herum, Flyer und weiteres Material. Unser erstes gemeinsames Seminar planten wir für Juni und zum Werbedreh würden wir uns alle wieder in Genua treffen. Nach zwei Stunden gab unser fiebriger Freund auf und verabschiedete sich schniefend nach Hause. Wir anderen standen noch eine Weile draußen in der warmen Sonne, kaum dass wir die Location für unser Seminar noch unter Dach und Fach gebracht hatten. Und als sich die beiden Jungs wieder nach Turin verabschiedet hatten, begleitete ich noch meine bessere Hälfte zu seinem verspäteten Mittagessen, obwohl mir immer noch nicht nach Essbarem zumute war. Den Rest des Nachmittages verbrachte ich im Musikzentrum mit dem Versuch neue Materialien für das Seminar durchzuarbeiten und auszuwerten. Hin und wieder stoppten Kollegen oder Bosse meiner besseren Hälfte, unterhielten sich mit mir oder fragten, was ich denn da arbeiten würde. Am schärfsten war der eine Boss, der sich mir vorstellte und sich wunderte, dass ich inmitten der Hektik dort auch nur einen klaren Gedanken fassen könnte. Er wollte wissen, woran ich da genau sitze und ich erklärte ihm, dass es Fachwissen zur englischen Aussprache sei. Auf einmal switcht er um in akzentfreies Oxford-Englisch: "Great! So how is your English doing, darling? Has it improved?!" Wie bitte?? Fast wäre mir ein "Cazzo!" entwischt. Zunächst einmal, wieso klang der wie ein Muttersprachler? War er am Ende doch kein Italiener?? Das war das Formale, aber mich schockte dann ganz enorm der Inhalt. Moment mal, ich bin kein Student, ich unterrichte den Mist! Ich KANN schon Englisch! Was zum Teufel...??! Er hatte mich ja nicht mal Englisch sprechen hören! Er war schon wieder verschwunden, noch ehe ich das Missverständnis aufgeklärt hatte. Ich wollte ihm noch hinterherrufen, dass SEIN Unternehmen mich soeben engagiert hatte als Englisch-Coach, aber dann wurmte mich mehr der Punkt, dass erneut der Akzent heute ein Thema für mich gewesen war. Ja ja, ich hatte das Schicksal ja verstanden, ich würde ab sofort wieder richtig an meiner Aussprache feilen, egal in welcher Sprache. So gut wie der Kerl hatte ich auch mal geklungen, damals als ich in London lebte. Und ja, ich würde mir jetzt wieder Mühe geben, auch im Alltag und nicht mehr nur im Unterricht...


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