Tuesday, December 10, 2013

Notizen eines Revolutionstages I

Gestern waren sie alle auf den Straßen, in Mailand, Turin, Florenz, Genua und wo nicht alles. Und heute? Heute sollte die Revolution weitergehen, und nicht nur heute, sondern auch morgen und so weiter bis einschließlich Freitag, den 13. Hatte es geheißen und darauf waren wir jetzt irgendwie eingestellt. Meine bessere Hälfte musste heute nach Genua und dort hatte man gestern noch verschiedene Bahnhöfe blockiert und insgesamt 70 Züge waren ausgefallen. Die Reise konnte er sich heute in die Haare schmieren, so dachten wir. Noch gestern Abend jeden kontaktiert, den wir in Genua und Umgebung kennen und die Berichte klangen nach einer definitiven Fortsetzung der Blockaden heute. Eine Bekannte, die in unmittelbarem Kontakt zu einem der besonders Revolutionswilligen vor Ort stand, bekam noch am Abend eine Nachricht mit dem Aufruf zum Treffen heute früh um 7 Uhr, um die Blockaden rechtzeitig für den Berufsverkehr wieder aufzunehmen. Ab 6 Uhr sei sie heute wach und dann sollte ich mich gleich mit ihr in Verbindung setzen um die neuesten Neuigkeiten zum Thema zu erfahren.

5:30 - der Wecker klingelt und kaum dass der Kaffee auf dem Herd steht, werfe ich mich vor den Laptop und melde mich bei der Bekannten. Die Webseiten der Bahn sagen überhaupt nichts zum Stand der Dinge.

6:00 - noch keine Reaktion; hoffentlich hat die Bekannte nicht verschlafen oder denkt nicht mehr an unsere Verabredung. Es bleibt uns wohl nichts übrig als uns fertigzumachen.

6:25 - Eccola, endlich eine Reaktion. Sie würde jetzt gleich nachfragen und ich sollte bloß online bleiben. Leichter gesagt als getan, nach 5 Minuten des Wartens müssen wir uns so oder so auf den Weg machen. Ohne rechtzeitig eine Antwort zu bekommen, fahren wir zum Bahnhof.

6:45 - der Schaffner weiß von nichts, ob die Züge an irgendwelchen Bahnhöfen nicht weiterfahren können. Womöglich ist es noch zu früh, oder es interessiert die Herrschaften hier einfach nicht. Mit nur zwei Minuten Verspätung fährt der Zug nach Genua ein und Ludwig und ich machen uns wieder auf den Heimweg. Mal sehen, ob wir daheim endlich Informationen vorfinden. Am zentralen Stadtbrunnen hängt ein großes Transparent "Ci riprendiamo l'Italia" - aber niemand ist zu sehen.

7:45 - ich finde die Meldung, dass sich tatsächlich um 7 Uhr getroffen wurde, aber lediglich drei Züge haben in Genua massive Verspätung. Liegt es an der Revolution oder einfach nur an trenitalia?

9:00 - meine bessere Hälfte ist ohne Zwischenfälle in Genua angekommen. Hat auch keine Blockade gesehen. Wo sind sie denn nur?? Ich mache mir erstmal einen zweiten Kaffee und kümmere mich um meine Mails.

9:30 - verschiedene Gruppen und Organisationen rufen zur allgemeinen manifestazione auf und die Teilnehmer sollen ohne Helme, ohne Waffen und ohne politische Fahnen erscheinen. Sehr wohl allerdings mit der Nationalflagge und Demonstrationsbannern. In einigen Regionen ruft man besonders die Arbeitslosen und die Mitarbeiter bestimmter Firmen auf sich an den Kundgebungen zu beteiligen. Ludwig schnarcht laut auf dem Sofa und scheint im Traum zu trinken. Ich arbeite derweil an einigen neuen Designs und spreche nebenbei mit meinem Agenten.


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