Friday, October 4, 2013

Intrappolata III

"Ma che bel pezzo di ragazzaaa!!" rief die zweite Schwester aufgeregt, als sie mich sah, was soviel hieß wie "Was für ein schönes Stück Mädchen" und ich hätte fast laut aufgelacht, denn "Stück Mädchen" hatte ich wirklich noch nie gehört. "Meine Schwiegertochter!" erklärte meine Schwiegermutter erneut und langsam zuckelte die winzige Kabine nach oben. Uns öffnete die dritte Schwester, die jetzt die Reihe der Anwesenden komplettierte, wobei jede neue Schwester offenbar älter und kleiner war als die zuvor. "Bella bellaaa, wer ist das?!" strahlte sie mich an und streichelte mir begeistert über die Wange, an die sie kaum heranreichte, während ihre Schwester ergänzte, ich sei die deutsche Schwiegertochter und mir über den Arm strich. "Toll, ganz toll" fand die dritte Schwester das und ich fühlte mich wie eine Walküre, die hier wuchtig hineinmarschierte und fälschlicherweise für einen Streichelzoo gehalten wurde. Gemeinsam schoben sie mich ins Wohnzimmer, das voller Gemälde des verstorbenen Bruders, war. Sehr gute Sachen, muss ich schon sagen und meine Schwiegermutter und ich mussten an mehreren Bildern von links nach rechts und von rechts nach links vorbeigehen, um das Lichtspiel und verschiedene Effekte der Perspektiven selbst mitzuerleben. Und diese drei alten Italienerinnen, die in ihren bunten Haushaltskitteln so gar nicht danach aussahen, hatten enorm viel Ahnung von all der Kunst um sie herum und hatten darüber hinaus auch alle selbst gemalt. Davon bekamen wir bei der sich anschließenden Führung durch die extrem bunte Wohnung sehr viel zu sehen und von Skulpturen von Aquarellen über Ölschinken, Acryllgemälden, Kohle- und Pastellzeichnungen, bemalten Spiegeln, Truhen und Holzarbeiten war wirklich alles vertreten. Ich bemühte mich auch auf der italienischen Begeisterungsskala ausreichend Anerkennung auszudrücken, was für eine deutsche Skala schon komplett übertrieben war und mir jedes Mal aufs Neue Mühe macht, aber ich wollte nicht schon wieder hören, dass ich unterkühlt wirken würde und so warf ich mit A- und O-Rufen nur so um mich, zumal hier wirklich Könner am Werk gewesen waren. "Trinkst du einen Kaffee?" hieß es dann, als wir wieder im Wohnzimmer Platz genommen hatten. Und weil ich die Erfahrung gemacht hatte, dass man solche Angebote besser nicht ausschlägt, sagte ich zu, nicht ahnend, dass ich die einzige war. Meine Schwiegermutter wollte keinen Kaffee, weil wir ja gleich wieder gehen wollten. Ach ja, richtig! Und ich hatte es vermasselt. So ein Mist! "Dann nimm aber wenigstens eine Caramella!" hieß es vorwurfsvoll von Seiten der Schwestern und sie füllten eine Schale mit verschiedenen Bonbons und schoben sie meiner Schwiegermutter hin. Da fiel mir wieder ein, dass ich das schon häufiger erlebt habe, wenn ich zu alten Frauen mitgenommen worden bin. Man bekommt immer Caramelle angeboten, wenn man nicht wenigstens einen Kaffee trinken will. "Nimm dir auch was von den Caramelle!", meinte die älteste Schwester zu mir und fügte dann hinzu "Wir können doch DU sagen, oder? Du bist ja noch gar keine Frau, du bist ja eher noch eine Bambina!" Naja, dachte ich da, ich finde 32 jetzt nicht so kindlich, aber aus der Sicht von Frauen zwischen 72 und 89 ging ich wohl noch locker als Kind durch. Und so ein Kind muss dann besonders viele Caramelle essen, gerade weil sie sich so freuten, dass ich mitgekommen war. Glücklicherweise wurde mir just in dem Moment mein Kaffee auf einem Tablett samt Zuckerschale gebracht. Zucker in den Kaffee nehme ich nie, sondern Milch, aber ich weiß, dass man diese Kombi eher nicht angeboten bekommt, also nahm ich mutig vom Zucker und rührte lange um. So hatte ich eine Beschäftigung, während meine Schwiegermutter entgegen unseres Planes jetzt erst richtig mit der Unterhaltung anfing. Und so trank ich gaaanz langsam dieses widerliche Gesöff weg, während vor mir alle mitgebrachten Magazine ausgebreitet wurden und dann erinnerte man sich gemeinsam an den Verstorbenen. Meine Schwiegermutter hatte auch bestickte Bettwäsche dabei - was die mit dem Fall zu tun gehabt hatte, verstand ich auch nicht - aber ein Stück nach dem anderen wurde erneut mit lauten A- und O-Rufen angefasst und von einer Schwester zur nächsten gereicht. "Ma che meraviglia! Ja sowas findet man heutzutage nicht mehr!" Es klingelte mehrfach und noch mehr Frauen kamen mit dazu, am Ende waren wir zu acht im Wohnzimmer, und immer mehr bestaunten die Wäsche und tauschten aus, was sie schon alles an Handtüchern, Kissen und Gardinen hergestellt hatten. "Das will die junge Generation ja nicht mehr", hieß es aus irgendeiner Ecke und ich saß nur ganz steif da, um bloß nicht weiter aufzufallen. Als wir dann schließlich gingen, musste dann jede einzelne Frau mir rechts und links Küsschen geben und wie toll es gewesen sei, dass ich mitgekommen wäre und dann bekamen wir noch jeder eine Handvoll Caramelle für den Heimweg eingepackt. Nach all dem Italienisch hätte ich meine Schwiegermutter im Aufzug fast auf Englisch angesprochen, aber nein, es war ja immer noch Italienisch angesagt...


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