Sunday, August 11, 2013

Was ist heute nur los? I...

Einer dieser heißen Tage, wo man es in der Sonne kaum aushält und kaum bricht der Abend herein, bleibt einem die Schwüle schööön lange erhalten. Mit Freude stiegen wir gegen 21 Uhr auf die Räder, um ins Zentrum zu radeln, Ludwig mit wippendem Schwanz und angelegten Ohren auf konzentrierter Mission mit dabei. Ich hatte ja noch überlegt, ob ich mich für diesen abendlichen Trip noch mal fertig machen sollte. Im Basketballshirt meiner besseren Hälfte mit schmutziger Cargohose (Gartenarbeit!) sah ich fast aus wie eine Ghettobraut. Nein, etwas sagte mir, dass ich mich besser zivil kleide, auch wenn wir eigentlich nur ins Zentrum fahren wollten, eine kleine Runde zu Fuß, damit sich Ludwig etwas ausruhen kann und dann wieder zurück nach Hause.
Aber wie's dann so ist - kaum im Zentrum angelangt, sind mal wieder an jeder Ecke Menschen unterwegs, die meine bessere Hälfte kennen. Manchmal sieht man niemanden, selbst in einer Kleinstadt wie dieser. Und manchmal gibt es Tage wie heute. Auf einem Platz hinter meinen Schwiegereltern steht im Sommer oft eine kleine Bühne und verschiedene Bands treten da auf, jedoch selten Menschen, die wir kennen, da dieser Ort hier etwas eigenwillig ist und sie kommunistische Bands bevorzugen. Nun, aber heute zerren wir Ludwig gerade über diesen Platz vorbei an der Bühne, da springt in einigen Metern Entfernung einer vom Tisch auf, winkt und kommt näher. Optisch einer von denen, die meine bessere Hälfte kennt, das Gesicht kam mir auch vage bekannt vor, aber ich weiß in diesen Fällen selten, wen ich vor mir habe. Diesen hatte ich noch nie getroffen, ich fragte mich schon, ob der einer der ganz Großen war oder nicht. Vorsichtshalber lächelte ich leicht, falls ich ihn kennen sollte, aber bloß nicht zu sehr, falls er doch unbekannt war. "Danke für die Nachricht gestern", rief er mir zu, "das war echt zu irre, was die aus dem Plakat gemacht hatten!" - WER IST DER, WELCHE NACHRICHT VON MIR??? ratterte mein Gehirn, dann plötzlich erkannte ich den Kerl. Und ja, er hatte mir ein Plakat geschickt gehabt mit grausigem Englisch und ich hatte ihm wie einem alten Freund geantwortet und jetzt wusste ich nicht mal, dass ich ihn vor mir hatte. Peinlich, peinlich. Ich versuchte es jetzt mit etwas mehr lächeln, bloß nicht anmerken lassen, dass ich ihn nicht erkannt hatte. Dann kam mir auch der Name wieder. Cosimo heißt er. Aber es kamen noch zwei andere von der Band, die heute spielen würden, von denen ich hätte schwören können, dass sie mir unbekannt sind, aber wer weiß. Ich setzte eine interessierte Miene auf für alle Fälle und war erneut froh, dass ich mich nochmal umgezogen hatte. Nicht auszudenken...
Ich war dennoch froh als wir weiterzogen, auch wenn wir nicht weit kamen, weil schon wieder einer winkte. Ein zierliches Männchen etwa in meinem Alter, sehr gut angezogen eilte auf uns zu, die wir uns gerade zum Gehen aufgemacht hatten und ich grübelte sofort wieder, ob ich diesen jetzt kennen musste. Er drückte mir die Hand und meine bessere Hälfte fragte noch "Ihr kennt euch schon, oder?" - Fast hätte ich NEIN gesagt, aber der Knabe sagte schon "Aber ja, doch, längst" und ergänzte "Alessandro". Keine Ahnung, nein, wirklich nicht, war der von der Musik, oder ein Schulfreund oder ein Verwandter, hatte ich den mal unterrichtet (der sah vom Gesicht her fast aus wie einer meiner ehemaligen Schüler) oder ist der immer in einer unserer Stammbars? Nein, keine Ahnung. Irgendwann dämmerte es mir, dass es der gewesen sein könnte, den wir mal auf dem Parkplatz getroffen hatten, als wir gerade die Hundeausrüstung erstanden hatten. Möglicherweise. "Und wie lange bist du jetzt hier?" fragte er mich. "Wie, also ich wohne jetzt hier." - "Ja, aber du kommst doch aus Deutschland. Dann bist du jetzt hier für den Moment?" - "Nun, also ich komme und gehe, aber im Grunde wohne ich hier." - "Also für die Schulferien?" - Ach, was sollte es, "Ja, für die Schulferien". Ich konnte ihm meinen Aufenthalt nicht anders klar machen, aber immerhin wusste er tatsächlich, dass ich sonst in Deutschland lebte und auch welchen Job ich gemacht habe, und das beunruhigte mich. Ich musste schon früher mit ihm gesprochen haben, aber wusste beim besten Willen nicht wann. Oder wo. "Wollt ihr ein Bier trinken? Kommt, ich lad euch ein". Nein, vielen Dank, aber wir gingen doch dann besser wieder Richtung Fahrräder und nach Hause. Der Verlauf des Abends machte mich verlegen und unsicher. Ich wollte niemandem mehr begegnen. Aber was war ich erleichtert darüber, dass ich wenigstens nicht im überdimensionalen Shirt erschienen war! "Wer war jetzt Alessandro?" fragte ich meine bessere Hälfte. "Der kannte mich und kannte die spielende Band um Cosimo und deine Bands und überhaupt; sehr gut angezogen war er außerdem noch." - "Ach, wir sind ganz alte Freunde, wir kennen uns schon ewig und haben auch schon mal zusammen gearbeitet früher." Leute blieben stehen, wollten Ludwig streicheln, sollte ich die kennen? Gehörten diese Frau mit Kind zu Alessandro, den ich schon nicht kannte oder kannten meine bessere Hälfte und er diese auch nicht? Andere grüßten oder blieben kurz stehen, manche fragten mich ob Ludwig beißt und ich stand bereits dermaßen unter Stress, dass ich im Rahmen des Verfolgungswahns schon glaubte, dass mich alle kannten, nur ich niemanden im Gegenzug. "Nein, ist nicht mein Hund, der gehört dem hier", zeigte ich auf meine bessere Hälfte. Jetzt bloß nicht noch Kinder, die ich mit ihren hohen Stimmchen dann nicht mehr verstehe...


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