Monday, July 22, 2013

Die Familie und die Deutschen...

Der Beliebtheitsgrad der Deutschen vor Ort lässt - und das kann man wohl so sagen - durch die Bank eher zu wünschen übrig. Und dennoch scheint der regelmäßige Umgang mit den Teutonen der Familie Fluch zu sein. Ich bin da nicht die erste, die einmarschiert, aber die erfolgreichste. Schon der Großvater kämpfte Seite an Seite mit den Deutschen in den Apuanischen Alpen, ehe das Bündnis zerbrach und man ab dem Punkt Jagd auf ihn machte. Zwei Tage lang war er in den Wäldern auf der Flucht vor seinen ehemaligen Freunden, ernährte sich ausschließlich von Kastanien und hielt dieses Kapitel - kaum, dass er den Ort erreicht hatte - damit für geschlossen. Aber dann gab es auch noch Onkel Cesare. Er war viel unterwegs in den 60ern, im Sommer Segeln und im Winter Skifahren und bevorzugte Gelegenheiten, bei denen man Frauen kennen lernen konnte. So kam er eines Winters in der Schweiz an Edeltraud. "Una donna bellissima!" heißt es allumfassend in der Familie über sie und natürlich bekam ich gleich ein Foto gezeigt. Es zeigte Cesare in jungen Jahren im Skioutfit neben einer etwa gleichgroßen blonden Frau mit kurzen Locken und großer Sonnenbrille. Viel konnte ich nicht erkennen von Edeltraud, aber ich ahnte auch gar nicht, dass sie mehr als ein Urlaubsflirt gewesen war. Erst meine Schwiegermutter erklärte neulich, dass es mit Edeltraud eine ganz große Sache gewesen war. Sogar vom Heiraten war die Rede gewesen, aber da hatten sie die Rechnung ohne die Schwiegermutter gemacht. Cesare als Einzelkind und ein typischer Vertreter der mammoni, der Muttersöhnchen der schlimmsten Sorte, betet seine Mutter bis heute an, so dass nichts, aber auch gar nichts von la mamma weggeworfen werden darf. Nicht einmal eine Kollektion alter Strumpfhosen, die meine Schwiegermutter irgendwann bei Cesare fand und in den Müll katapultierte. Gab das einen Ärger! La mamma gibt nämlich auch heute noch - zwanzig Jahre nach ihrem Tod - den Ton an und kann sich auf ihren ewigen Sohn und seine ebenso ewige Treue verlassen. Das ahnte Edeltraud wohl nicht. Denn in Ermangelung von Facebook und sonstigem Internet reisten eines Tages einige Mitglieder ihrer Familie nach Italien, um zu sehen, was das denn so für eine Familie war, in die sie heiraten wollte. Und das passte la mamma so gar nicht. Vor lauter Empörung warf sie die deutsche Delegation aus dem Haus und verhinderte weitere Schritte in Richtung Hochzeit. Cesare war mitempört. Nicht als Wut auf seine Mutter, wohlgemerkt, denn wenn mamma wütend war, dann musste es damit seine Richtigkeit haben. Geheiratet hat er nie - ich fürchte ich war zu egoistisch, meinte er neulich mal zu mir - aber das Skifoto von Edeltraud wird regelmäßig hervorgekramt und in Ehren gehalten. Wer weiß, was aus ihr geworden ist, aber immerhin ist ihr eine italienische Schwiegermutter der härtesten Sorte erspart geblieben.
Und jetzt bin ich da; die nächste Deutsche in der Familie. Und ich bin akzeptiert worden, sogar von meiner Schwiegermutter, die mich schon seit mehreren Monaten (ungerechtfertigterweise) als Ehefrau ihres Sohnes vorstellt, was von Seiten einer italienischen suocera schon fast einer Heiligsprechung entspricht. Vielleicht, weil ich nicht unter den Augen der Öffentlichkeit einmarschiert bin, sondern ganz heimlich, still und leise meine Zelte aufgeschlagen und mich eingenistet habe. Und inzwischen bin ich so tief in die italienischen Fasern eingezogen, das mich auch keine italienische Schwiegermutter mit dem besten Fleckentferner mehr aus dem Gewebe bekäme... ;)


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