Monday, May 20, 2013

BAR heißt "bedienen außer Routine"...

Mit den Bars hier ist das schon so eine eigene Sache. Für gewöhnlich hat ein jeder hier seine Stammbar, in der sich getroffen wird und in denen man auch Stunden am Automaten spielen kann. Den Kaffee, den man hier (womöglich mehrmals täglich) einnimmt, kippt man in einem oder höchstens zwei Schlucken hinunter und  verweilt dabei auch nicht lange, selbst wenn man als Gruppe gekommen ist. Im Allgemeinen kann man hier aber auch süße Teilchen, Pizzastücke oder verschiedene Snackvarianten fürs Mittagessen oder zwischendurch zu sich nehmen. Wer hier jeweils neu hereinkommt, wird beäugt, ganz besonders wenn es sich um eine Bar in einem kleinen Ort handelt und innerhalb kürzester Zeit hat sich so die Neuigkeit verbreitet, dass da jemand erschienen ist, den keiner der Anwesenden kennt. Anders natürlich in den Bars im Stadtzentrum, in denen es mehr Laufkundschaft gibt und in denen es auch anonymer zugeht, wenngleich man auch an diesen Orten immer wieder auf dieselben Nasen trifft.
Einige Bars sind eher finster, haben üble Neonröhren an den Decken und eine Atmosphäre zum Davonlaufen; andere sind edler und hier trifft sich dann jeder, dem das wichtig ist, zu einem Aperitivo am Abend, um gesehen zu werden. Was besser für einen Barista ist, ist die gute Frage, immerhin gefallen die schicken Bars auch der Mafia besser als die Spelunken mit Waschküchencharme. Der Kaffee kostet jedoch unabhängig vom Ort zwischen 1 Euro und 1,20.
Die Bar, die jedoch eindeutig für die meisten Emotionen bei meiner besseren Hälfte und mir sorgt, ist die Bar eines Freundes und Kollegen von ihm. Ein Familienbetrieb, wie die meisten anderen Plätze auch, nur dass man hier eindeutig mehr Nerven lassen muss als anderswo. Im Allgemeinen arbeiten der besagte Freund, sein Bruder, seine Mutter und sein Vater gleichzeitig hinter dem Tresen. Wenn sie völlig außer Rand und Band geraten auch noch Oma, Opa, Schwägerin und eine jüngere Cousine. Der Witz dabei ist nur, dass egal wie viele von dieser Familie anwesend sind - man wird einfach nicht bedient. Dabei muss der Laden gar nicht voll sein. Für gewöhnlich wird mit jedem Kunden ausgiebigst geplappert, selbst wenn bereits neue Kunden längert warten als dies hätte sein müssen. Und wer gerade nicht mit einem Kunden Privates austauscht, der kommt für gewöhnlich aus der angrenzenden Küche hinter den Tresen, schaut sich um, wirft einen Blick in einen Kühlschrank oder auf die ausgelegte Ware und geht dann wieder in die Küche zurück, um kurz darauf wieder zu erscheinen. Im Allgemeinen wird dabei weder etwas noch A nach B getragen, noch wird dabei überhaupt irgendetwas gearbeitet. Und das tut nicht nur einer - das tut die ganze Familie. Und während man geduldig darauf wartet, dass man seine Bestellung aufgeben kann, beobachtet man für mindestens 5 bis 10 Minuten, wie durchschnittlich mindestens drei Familienmitglieder mindestens zweimal in dieser Zeit den Kopf aus der Küche gestreckt haben, völlig abwesende Blicke unter, hinter oder in den Tresen werfen, vielleicht mal ein Sandwich in Frischhaltefolie gewickelt leicht anheben und dann wieder in der Küche verschwinden. Wird man dann irgendwann mal zur Kenntnis genommen, schauen sie einen an, als wäre die bloße Anwesenheit eines Kunden Grund zur grenzenlosen Verblüffung. Wenn man dann nur etwas Läppisches wie einen Kaffee oder eine Flasche Wasser kauft, dann kann es sein, dass man Glück hat und dieses dann auch gleich bekommt. Oder aber man wird dann innerhalb der nächsten 10 Minuten berücksichtigt, wenn man denn dann noch einmal ein anderes Familienmitglied angesprochen hat. Einmal habe ich - ja, selbst dran Schuld! - einen Salat zum Mittagessen bestellt. Die Salate waren bereits fertig geschnitten auf Tellern mit Folie überzogen im Tresen ausgestellt. Nachdem ich mehrere Minuten lang darauf gewartet hatte, dass ich bestellen konnte - während sage und schreibe zwei weitere Kunden in der Bar waren und auf jeden Kunden genau zwei Angestellte kamen, die hier auf und ab liefen - wurde meine Bestellung zur Kenntnis genommen und nachdem ein weiterer Gang in die Küche und zurück (jeweils mit leeren Händen) stattgefunden hatte, wurde dann auch mein Teller mit dem Salat aus dem Tresenschaufenster genommen. Die Folie wurde entfernt und jetzt sollte noch Essig und Öl ergänzt werden; dann würde ich Besteck und ein Set mit Serviette bekommen. Aber mein Salat stand einfach nur da - auf einer Arbeitsfläche in Sichtweite. Das Familienmitglied, das sich da so in völliger Arbeitswut an meine Bestellung gemacht hatte, war bereits wieder in der Küche verschwunden und erschien schließlich auch nicht mehr. Ob er gestorben war, ließ sich lange nicht beantworten, jedenfalls war mein Salat bereits am Welken, ehe ich auch nur einen einzigen Bissen im Magen hatte. Vielleicht bereiteten sie ja noch frische Zutaten zu, die sie ergänzen würden und ich tat ihnen so furchtbar Unrecht in diesem Moment? Die Mutter kam schließlich aus der Küche, übersah mich völlig und sortierte weiter hinten am Tresen saubere Gläser in einen Schrank. Ein Kunde hatte sie in Fokus bekommen und war mutig genug einen Kaffee zu bestellen, als sie sich umdrehte. Ob er ihn bekommen hat, weiß ich nicht, ich versuchte nämlich immer noch in der Hauptsache an meinen Salat zu kommen. Der Bruder lief vorbei, warf mir ein "Ciao" zu und verschwand dann gleich wieder in der Küche. Als nächstes kam der Vater, der mich ebenfalls nicht sah und dem ich dann zurief, dass ich einen Salat bestellt hätte. Er schaute mich an als hätte ich Autoreifen bestellt, meinte dann aber "ah ok" und hob dazu an einen weiteren Salat aus dem Tresen zu nehmen. Diesen nahm er mit in die Küche und ward nicht mehr gesehen. Nach gefühlten drei Tagen erschien schließlich wieder mein erster Auftragnehmer aus der Küche - ebenfalls mit leeren Händen - und nachdem ich ihn an den Salat erinnert hatte, bekam ich schließlich den Teller von der Arbeitsfläche angemacht mit Essig und Öl und einem Set mit Serviette überreicht. Auf Besteck wartete ich dann nochmals einige Minuten, aber wir wollen mal nicht zu hart mit ihnen ins Gericht gehen - schließlich führen sie diese Bar erst seit 22 Jahren...


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