Sunday, April 14, 2013

Italien wird eingenommen...

Was für ein schönes Wetter wir endlich haben! Warme 20 Grad, Sonnenschein, das Gras riecht, die Blumen riechen, die Luft riecht, der Frühling liegt endlich in der Luft! Und am Sonntag Morgen auf den Wecker zu verzichten, ist auch ein Traum. Den ich mir schwer verdient habe, wie ich für mich selbst entschied. Hatte gestern alle Kräfte darauf verwendet, Turin einzunehmen. Nach einer schrecklich kurzen und nervösen Nacht mit ungefähr zwei Stunden Schlaf, hatte ich mich um Punkt 6 Uhr aus dem Bett gequält, um schon kurz nach 7 im Intercity nach Turin zu sitzen. Abwechselnd warf ich einen Blick auf meine Workshop-Materialien und ließ die bombastische Zugaussicht zwischen La Spezia und Genua auf mich wirken. Und erstaunlicherweise liefen wir 3,5 Stunden später mit nur 10 Minuten Verspätung in Torino Porta Nuova ein. Mein Geschäftspartner, Kooperationsbuddy und alter Kumpel Roberto holte mich vom Bahnsteig ab und gemeinsam fuhren wir zu einem Kulturzentrum, in dem seine Socios Valerio und Andrea und eine Handvoll meiner Workshop-Teilnehmer bereits auf uns warteten. Mein Unterrichtsraum war sehr schön, leider hatte die als Blackboard angekündigte Tafel so gar nichts von einem Blackboard. Es war ein bereits beschriebenes Flipchart mit Whiteboard ohne Marker. Konnte meine Kreide und die vielen Magnete gerade stecken lassen. Nach anfänglichen Internetproblemen nahmen wir alle erstmal einen Kaffee in der angrenzenden Bar ein, ehe ich mir die beste Mühe gab, die bereits verlorene Zeit, die meinen höchst deutschen Plan durcheinander gebracht hatte, wieder aufzuholen. So ganz ging das nicht, ich konnte nicht alles machen, was ich mir vorgenommen hatte, was jedoch nicht weiter auffiel. Wir schlossen unseren ersten Teil mit dem Pausenklingeln ab - hätte es denn ein Pausenklingeln gegeben. Stattdessen hatten wir Spaß, sowohl beim Workshop als auch beim gemeinsamen Mittagessen. Geschäftsessen, wie Roberto es nannte. Mit drei verschiedenen Sprachen waren wir dort am Tisch vertreten. Mit dem einen Socio sprach ich deutsch, denn er konnte dies erstaunlicherweise nicht nur fließend, sondern auch nahezu ohne Akzent! Er klang wie ein Deutscher, der schon seit 30 Jahren in Italien lebt und dessen Deutsch eine leichte italienische Färbung angenommen hat, aber noch eindeutig muttersprachlich geprägt ist. Mit den anderen sprach ich Englisch, weil ich mit Roberto schon Englisch gesprochen habe, als ich noch gar kein Wort italienisch gekonnt habe. Der Rest sprach Italienisch untereinander und im Endeffekt mischten wir am Ende alle drei Sprachen, was zur allgemeinen Erheiterung beitrug. Mit Elan starteten wir in den zweiten Teil meines Workshops, an den ich inhaltlich locker noch einen dritten Teil hätte anhängen können. Aber was das faszinierendste von allem gewesen war: am Ende sagten meine Teilnehmer "brava" und gaben mir die Hand. Nein, so etwas kennt man aus dem Schulbetrieb nicht. Nein, das überraschte mich derart, dass ich für einen Moment sogar überlegte, ob ich etwas falsch gemacht hatte. Ich hatte einen Tag lang unterrichtet, fast nicht geschlafen, war weit gereist und verließ die Stadt mit dem guten Gefühl eine wunderbare Zeit gehabt zu haben. Noch auf dem Weg zum Bahnhof plante Roberto die nächsten Projekte und bedauerte mir nicht die Stadt hatte zeigen können. Bei absolutem Sommerwetter bestieg ich einen Regionalzug nach Genua, ohne vorher geschaut zu haben, wie lange die Fahrt eigentlich dauern würde. War besser so, denn die Rückfahrt brachte es auf 4,5 Stunden. Die Sonne strahlte heiß in die großen Zugfenster, als ich bedauerte, kein nettes Buch mitgenommen zu haben. Der mp3-Player hatte keinen Saft mehr, das Handy mit halbvoller Batterie sollte auch besser für Notfälle ruhen. Alles was mir blieb war ein Fachbuch zum Aussprachetraining von Sängern. Das musste es also sein. Die Fahrt lief gut, bis auf mehrere Stromausfälle in den vielen Tunneln, die uns ohne Notlichter im Stockdunklen fahren ließ. "Die haben wohl die letzten Rechnungen nicht bezahlt", kommentierte mein Gegenüber. In Genua fiel ich mit einem Bärenhunger aus dem Regionalzug. Glücklich über einen überdimensionalen Snackautomaten zog ich mir ein Kitkat und ein eingeschweißtes Tunfischsandwich aus der Maschine. Der Intercity nach Hause ließ auch nicht lange auf sich warten. Ich nahm meinen reservierten Sitzplatz im Abteil am Gang ein, ließ es mir schmecken und merkte dann erst, wie todmüde ich war. Aber wirklich richtig, richtig müde. Auch meine fünf weiblichen Mitfahrerinnen schliefen. Draußen war nichts mehr zu sehen, bis wir weitere zwei Stunden endlich im Zielbahnhof einfuhren. Ich stellte mir die Frage, was ich tun würde, hätte ich am nächsten Tag wieder so einen Marathon zu absolvieren. Und ich stellte fest, dass ich das nicht abschreckend gefunden hätte. Denn das Unglaubliche war passiert, dass die Arbeit wirklich Spaß gemacht hatte...


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